Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Philipp Lachenmann

Cine//Citta
25.10.2013 - 18.01.2014
Philipp Lachenmann

Unter dem Titel Cine//Città zeigt die Galerie Andreas Binder in einer Einzelausstellung aktuelle Werke des deutschen Künstlers Philipp Lachenmann, die während seines einjährigen Aufenthaltes in der Villa Massimo in Rom entstanden sind.
Cine//Città besteht vorwiegend aus “Requisiten”, die Themen des Filmischen und der Inszenierung mit dem Topos der Leerstelle bzw. dem Verschwinden des Narrativen verbinden. Ausgangspunkt des Konzepts ist ein Repräsentationskamin aus dem Thronsaal des Palazzo Ducale in Urbino, dem Hort der italienischen Renaissance und im weiteren Sinn ein Metonym für die perspektivische Entwicklung der Kunst hin zum Film.
In Anlehnung an ein Studio-Set wurden daraus vier dialogische Zonen entwickelt, in denen sich nicht nur essentielle Parameter der Mise-en-scène und des Bewegtbildes abbilden, sondern auch kinematografische Referenzkonstruktionen von Architektur, Skulptur, Malerei und Fotografie verhandeln lassen.
Den Eingangsbereich bildet ein Kulissen-Nachbau des Repräsentationskamins zusammen mit einem silbernen, stumpfreflektierenden
Gemälde, Zitat eines historischen Spiegels, an der Wand gegenüber. In einem weiteren Raum sind die filmischen Parameter Figur und Licht eingebunden im “Gespräch” zwischen Skulptur und konzeptuellem Leucht-Objekt.
Ein geschlossener Restaurantschirm spielt hier mit dem “Figurativen” in Form des klassischen Faltenwurfmotivs der Renaissance, während sich seine weiße Oberfläche einfärbt im Widerschein einer Schwarzlicht-Neon-Schrift, die auf der Wand die Worte Nuit Américaine herausbildet (Nuit Américaine bezeichnet in der Filmtechnik das Drehen bei Tag mit geschlossener Blende, um eine Nachtaufnahme zu simulieren).
Lachenmann beauftragte einen Kulissenmaler, basierend auf Fotografien von den “Brandmauern” des Originalkamins in Urbino, Ölgemälde in drei Größen pro Motiv anzufertigen. Fotos und Gemälde werden in der Nähe des Kamins, aber räumlich separat präsentiert. So entsteht eine Art “Echokammer” zum ersten Raum, in der das konkrete Innenleben des Kamins sich repetitiv spiegelt und zugleich in Abstraktion verselbständigt.
Im letzten Raum kondensieren schließlich Projektion, Schein und Abbildung mittels eines 16mm-Films aus den 50er Jahren und eines Kristallglassteins zu einer Reflexion über Materie und Auflösung. Ein 6-minütiger S/W-Film von zusammenbrechenden Eisbergen, projiziert durch ein Kristallglas, zersplittert an der Wand in bewegte Lichtflecken und Wellenformen.

Im Vordergrund des Interesses von Lachenmann stehen die Mechanismen und Wirkungsweisen des Imaginären, insbesondere die Verschiebungen, Parallaxen des sogenannten Kollektiven Gedächtnis. Seine Filme, Fotografien, Skulpturen und Installationen sind durchwegs Arbeiten am Essentiellen der Bildgenese, an den dem Bildlichen vorerst zugrunde liegenden Repräsentationsstrukturen, welche in ihren Bedeutungsmonopolen offengelegt, ihre Prägungen decodiert und auf neuer Ebene lesbar gemacht werden. Einfache Eingriffe in die Schichten des “Bildes” – und im weiteren unseres Begriffs davon – verbinden sich dazu angelegentlich mit der Implementierung von Vorgefundenem in neue perzeptive Zusammenhänge, um alternative, auch politische Bedeutungsräume zugänglich zu machen. Dabei analysiert seine Kunst präzise jene visuellen Verführungen, die zu inneren Bildern und Fetischen geronnen wirkungsmächtig unseren Alltag formen. Lachenmanns Arbeiten agieren und argumentieren auf verschiedenen semiotischen Ebenen, sodass sie sich variabel lesen lassen, ihre Offenheit bewahren und zur Dekonstruktion hegemonialer Deutungshierarchien führen.

Kunstwochenende: 8.–10. November 2013

 

Taking place at

Galerie Andreas Binder

Knöbelstr.27 • 80538 M
Tel. +49 89 219 39 250 • Fax: +49 89 219 39 252
www.andreasbinder.deinfo@andreasbinder.de
Tue–Fri 11 am – 6.30 pm • Sat 11 am – 3 pm