Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Bernardí Roig

Blow Up
26.10.2012 - 28.10.2012
Bernardí Roig

Sonderveranstaltung: Kunstwochenende München
Interview mit Bernardí Roig über sein neues Auflagenwerk am 26. Oktober um 20 Uhr

Öffnungszeiten:
26. Oktober: 18-21 Uhr
27.-28. Oktober: 11-18 Uhr
Die Veranstaltung findet nur in der Türkenstrasse 23 statt.

Die Galerie Klüser präsentiert zum Kunstwochenende in den Räumen der Türkenstraße 23 erstmals außerhalb Spaniens die Buchedition „Blow Up“ des mallorquinischen Künstlers Bernardí Roig. Sein neuestes Auflagenwerk besteht formal aus einem Kunststoffkasten, der sich wie ein Buch aufschlagen lässt und in dessen Inneren sich 21 Druckgraphiken befinden – eine Art persönliche Dokumentation seiner Ausstellung „Blow Up“, die im Jahr 2010 anlässlich der Präsidentschaft Spaniens in der Europäischen Union im Parc Tournay-Solvay in Brüssel zu sehen war. Durch im Inneren verborgene Neonröhren sind die Grafiken im „Buch“ dramatisch ausgeleuchtet, das grelle Licht macht das Betrachten der Arbeiten möglich und unmöglich zugleich. Selbst im geschlossenen Zustand dringt es durch die roten Buchstaben des Titels auf dem Cover über die Vorderseite bis nach außen und springt dem Betrachter, ähnlich einer Reklamewerbung, förmlich ins Auge. So ist Roigs „Blow Up“ nicht als retrospektive, objektive Ausstellungsdokumentation zu sehen. Es erfolgt vielmehr eine kritische Wiederbehandlung des wohl zentralsten Themas seiner Kunst. Roigs intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wahrnehmung sowie den Grenzen von Realität und Illusion – beides wird in „Blow Up“ auf verschiedenen Ebenen evident.

Zur Behandlung dieses Themas setzt Roig einen narrativen Bezug bei der Geschichte von „Diana und Akteon“ an, die dem Künstler schon wiederholt Vorlage war. Ovid beschreibt in seinen Metamorphosen das Schicksal des jungen Jägers Akteon, der die unbekleidete Diana – die Göttin der Jagd – beim Baden beobachtet, dabei entdeckt wird, schließlich in einen Hirschen verwandelt und auf der Flucht von seinen eigenen Jagdhunden getötet wird.
In der aktuellen Arbeit ist es aber vor allem der Bezug zu Michelangelo Antonioni’s berühmten Film „Blow Up“ aus dem Jahr 1966 der evident wird.

Die Hauptperson des Films ist der Modefotograf Thomas, der von seinem Job so gelangweilt ist, dass er nebenher an einem Bildband mit Straßenfotografien arbeitet. Auf der Suche nach Motiven, macht er in einem Stadtpark Fotos von einem Liebespaar. Beim Vergrößern der Bilder entdeckt Thomas im Hintergrund undeutliche Formen, er erkennt eine Person mit Pistole in der Hand und einen Toten im Gebüsch. Noch in der Nacht geht er erneut in den Park und findet die Leiche eines Mannes. Noch während er unterwegs ist, werden die Fotos aus seinem Atelier gestohlen und der Tote ist am nächsten Morgen ebenfalls verschwunden. Realität und Illusion verschwimmen untrennbar, was Thomas’ Leben tief erschüttert und im Film durch die berühmte Szene des pantomimischen Tennisspiels untermalt wird.

Szenenwechsel: Schloss Chateau Solvay, idyllisch gelegen im Parc Tournay-Solvay, im Verwaltungsbezirks Boitsfort / Brüssel. Schauplatz von Roigs’ Ausstellung „Blow Up“ im Jahre 2010 und ein historischer Ort mit Geschichte. Teil dieser soll dem Künstler zufolge ein Butler gewesen sein – „ein unauffälliger Homosexueller, dick, blass und mit mehreren nervösen Ticks, der es liebte alles zu fotografieren, was er sah oder auch nicht sah – und etwas beobachtete, was er nicht sehen sollte. Sein gelegentlicher Liebhaber, der Bildhauer Jean Pierre K., ehemaliger Geliebter von Leidy B. und krank vor Eifersucht, war zwar nicht Zeuge des Verrats, aber er stellte ihn sich vor, was noch viel schlimmer ist. Brutal überwältigt vom Zorn, hervorgerufen durch das was er nicht sah, versetzte er seinem Liebhaber einen finalen Schlag auf den Kopf, trennte diesen vom Körper ab und setzte das Schloss in Brand.“ Der Kadaver des enthaupteten Butlers jedoch ist nie gefunden worden, so Roig. Daran anknüpfend und in Analogie zur Geschichte von Thomas dem Fotografen schreibt der Künstler der Plastik überraschende Fähigkeiten zu. Er überträgt den Skulpturen das Vermögen sich fortzubewegen, zu verschwinden, sich umzugruppieren, sich zu verändern – wie es Kadaver zu tun scheinen. Unsere empirische Sinneserfahrung und Wahrnehmung verliert so ihre Verlässlichkeit und unterliegt stattdessen der Illusion – es geht uns wie Thomas, der in den Park zurückkehrt, um zu sehen ob der Leichnam noch da ist.

Roig’s Ausstellung im Jahr 2010 war die reale und gleichzeitig phantastische Umsetzung der Geschichte des Butlers. Überall im Park fanden sich Skulpturen – wie der Butler dick und blass – an Bäumen, im Laub, am Schloss. Der Betrachter wurde zum Beobachter und somit zum stets gefährdeten Protagonisten, der Dinge sieht, die er vielleicht nicht sehen sollte.
Roig ging sogar noch einen Schritt weiter und machte sich selbst zum Beobachter, zum Fotografen, der die Situation erneut festhält und in anderen Werken weiterverarbeitet. So auch im vorliegenden Buch, in dem die Bilder der im Park installierten Skulpturen, graphisch hochwertig aufgearbeitet, als Portfolio eingelegt sind und den Betrachter erneut zum Voyeur werden lassen.

Bernardí Roig wurde 1965 in Palma de Mallorca geboren. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Official Award of the XXI Alexandria Biennale 2003. 2011 war Roig auf der Biennale di Venezia in der Gemeinschaftsausstellung „Glasstress“ vertreten, 2010 erregte seine Ausstellung „Blow Up“ im Parc Tournay-Solvay in Brüssel große öffentliche Aufmerksamkeit. 2010 zeigte das IVAM in Valencia unter dem Titel „Shadows must dance“ seine bis heute umfangreichste Ausstellung. Die Galerie Klüser vertritt den Künstler seit 2009.

Zur Arbeit:
BLOW UP (THE BOOK), 2011
Limitierte Auflage von 25 Büchern aus Aluminium Trihydrat (ATH) und Polymethacrylat (PMMA), LED
Jedes Buch enthält 21 digitale Airbrush Drucke auf GVARRO papier (250 gr.)
Auflage 25 (21+IV)
Nummeriert und signiert vom Künstler
Edition: Galerie Klüser, München
Produktion: Concord Creativ LAB, Mallorca

 

Ausstellungsort

Galerie Klüser

Georgenstr. 15 • 80799 M
Tel. +49 89 38 40 81 0
www.galerieklueser.com
Di–Fr 14–18 • Sa 11–14
eingeschränkt barrierefrei

GALERIE KLÜSER 2
Türkenstr. 23 • 80799 M
Di–Fr 14–18 • Sa 11–14
eingeschränkt barrierefrei