Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Nigin Beck

Places that are not - Nostalgia for Mahdieh
20.10.2017 - 20.12.2017
Nigin Beck
Ausgangspunkt für die aktuelle Ausstellung von Nigin Beck ist die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte bzw. die ihrer iranischen Großmutter. Die Künstlerin geht der Frage nach, welche Prägungen ihr diese Frau, mit der sie in ihrer Kindheit jedes Wochenende verbrachte, mit auf den Weg gegeben hat und erinnert sich ihrer anhand nachempfundener Gegenstände und Artefakte. 
Die Großmutter der Künstlerin emigrierte 1964 aus dem Iran nach Deutschland und zog mit ihrer jüngsten Tochter von Konstanz nach Stuttgart und schließlich nach München, wo sie 1989 starb.
Migration erscheint immer als schmerzlicher Verlust von Gemeinschaft mit eigener Sitte und eigenem Brauch, mit eigener Sprache und eigener Kultur. 
Heimat bedeutet in Übereinstimmung mit der soziokulturellen und physischen Umwelt zu leben und in diesem Sinne die räumliche Dimension der Identität, die hier als grundlegendes menschliches Bedürfnis verstandenen wird. In der Migration findet keine aktive Gestaltung des Raumes, sondern eine partielle Anpassung statt, der sich auf Bereiche beschränkt, die für die Alltagsbewältigung notwendig sind. 
Nostalgie bezeichnet eine sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken und kann sich sowohl auf das eigene Leben beziehen als auch auf nicht selbst erlebte Zeiten (so genannte kollektive Nostalgie). Diese wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals idealisiert und verklärt reflektiert werden, können einen bis ins Erwachsenenalter und darüber hinaus begleiten.
Meine Großmutter Mahdieh Aramech wurde als das letzte von sechs Kindern 1921 in Teheran geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Theologenfamilie auf. Sie war einer der ersten weiblichen Studentinnen persischer Literatur. Mein Großvater, so erzählt mir meine Tante, verliebte sich in sie, weil sie eine besonders hingebungsvolle und lustvolle Art zu essen besaß und im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen nichts von Diäten wissen wollte. Diese Form von Sinnlichkeit sollte sie sich bis zu ihrem Lebensende bewahren und an meine Mutter und mich weitergeben.  In meiner Kindheit verbrachte ich jedes Wochenende bei ihr. Da sie nach ihrer Emigration aus dem Iran die deutsche Sprache nur rudimentär erlernte, sprach sie mit mir Farsi. Mit ihrem Tod verlor ich nicht nur eine meiner engsten Bezugspersonen, sondern auch die Verbindung zur persischen Sprache, die für mich bis heute den liebevollen Klang nostalgischer Kindheitserinnerungen in sich trägt. 
Meine Erinnerungen an sie sind sehr stark, sowohl an ihre körperliche Präsenz (sie war eine hochgewachsene Frau mit voluminösem, stets parfümiertem Körper) als auch an ihr dunkles, kleines Erdgeschossapartment in Pipping. Alltagsgegenstände, die in unser gemeinsames Spiel eingebunden wurden, kitschige Dekorationsartikel, die ihre Umgebung ‚mitbewohnten‘, all das hat meine ästhetischen Vorlieben (zum Entsetzen meiner Mutter) bis heute geprägt. Welche Schicksalsschläge meine Großmutter erlitten und durchlebt hat, wurde mir nicht verbal vermittelt, aber ich spürte als Kind einerseits die Trauer über ihr isoliertes Leben in einer fremden Kultur aber andererseits auch den positiven Halt und die Struktur, die ihr meine regelmäßigen Besuche gaben. Weil sie nicht wusste, was sie mit ihrer vielen Zeit anfangen sollte, begann sie, mir im Sommer Kleider zu nähen und im Winter Pullover zu stricken, die pünktlich zu meinem Besuch am Wochenende an einem Kleiderbügel an der Tür zu ihrem Schlafzimmer hingen. 
Während sich die moralischen Verhaltensmuster meiner deutschen Großmutter darauf ausrichteten, mich als ‚halbfremdes‘ Enkelkind körperlich und emotional auf Abstand zu halten, tat meine iranische Großmutter genau das Gegenteil: meine Erinnerung kreisen um ein Gefühl des verwöhnt werdens, des Verwachsenseins mit ihrem fülligen Körper, den ich mit mitbewohnen durfte wie ein Faulbett, um gefüttert werden und um eine Intimität und Privatheit, die sie nur mir als ihrer einzigen Enkelin gewährte.
Die Sehnsucht nach dem Iran und speziell der Gegend im Norden Teherans, in der meine Mutter groß geworden ist, waren für mich lange Zeit unerklärlich. Die Frage nach Identität, Zugehörigkeit, Heimatgefühl und Liebe zu einem Land, in dem ich nicht groß geworden bin, hat sich in Ansätzen auf meiner letzten Reise geklärt. Ich habe akzeptiert, dass die Sehnsucht meiner Großmutter nach ihrer Heimat und dem Wissen, nicht mehr zurück kehren zu können, sich sehr stark auf mich übertragen hat. Zugleich sind für mich alle Gerüche, Gesten, Wortlaute, denen ich im Iran heute wie ein Kind beiwohnen kann, eine ständige Rückversicherung auf die ersten prägenden Jahre mit meiner über alles geliebten Großmutter. 
 

Ausstellungsort

Galerie Jo van de Loo

Theresienstr. 48 • 80333 München
Tel. +49 89 27 37 41 20, 0177 761 73 03
www.galerie-jovandeloo.commail@galerie-jovandeloo.com
Di–Fr 12–18 • Sa 12–15 und nach Vereinbarung