Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Philipp Gufler

Een Gebeuren – etwas, das sich ereignet
09.09.2016 - 22.10.2016
Philipp Gufler

Im Zentrum von Philipp Guflers Ausstellung steht das Schaffen des niederländischen Performance-Künstlers Ben d’Armagnac (1940-1978), das ihn bereits längere Zeit begleitet. Dessen Arbeiten lieferten Gufler den Ausgangspunkt für seinen Beitrag zur Ausstellung „You Must Make Your Death Public“ (2016) am Amsterdamer De Appel Arts Centre, einer Institution, mit der d’Armagnac in den 1970er-Jahren selbst eng verbunden war. Der Titel „een gebeuren“ – „etwas, das sich ereignet“ – verdankt sich einem Ausdruck, den d’Armagnac vor Aufkommen des Begriffs „Performance“ dafür verwendete.
Auf der Eingangsebene der Galerie hat Philipp Gufler mehrere körperhohe Spiegel versammelt, auf die im Siebdruckverfahren drei sich überlagernde, durchscheinende Pigmentschichten aufgebracht sind. Was wir üblicherweise beim Blick in den Spiegel als plane Ebene wahrnehmen, wird durch diesen Eingriff in seiner räumlichen Tiefe erfahrbar. Zwischen der Pigmentschicht auf der Glasoberfläche und der dahinter liegenden Spiegelschicht eröffnet sich ein performativer Raum; die Wahrnehmung bewegt sich unweigerlich zwischen der Konzentration auf das eigene Spiegelbild und der Betrachtung von Farbkompositionen und -auftrag. Das Wechselspiel von Objektivierung – man wird sich im Spiegel seiner selbst als Bild gewahr – und Subjektivierung – die Spiegel werden von je unterschiedlichen Körpern und Individuen bevölkert – zeichnet zahlreiche Arbeiten Guflers aus. Zur Aktivierung dieses Potenzials dient ihm entweder der eigene Körper, oder, wie im Fall der Spiegel, derjenige der Betrachterinnen, deren Präsenz sie erst vervollständigt.
Auch der titelgebenden Videoinstallation „een gebeuren“, die im Untergeschoß der Galerie gezeigt wird, liegen derartige Perspektivwechsel zugrunde. Sie basiert auf Ben d’Armagnacs gleichnamiger Performance im De Appel Arts Centre in Amsterdam am 14. Juni 1975. Für diese hatte sich d’Armagnac in einem von innen weiß gestrichenen Glaskubus von etwa 2x1x1 Meter Größe verschanzt, gemeinsam mit rund 2.000 frisch geschlüpften Fliegen; Zentimeter für Zentimeter begann er, die Farbe abzuschaben und damit das Innere – zumindest teilweise – für die Zuschauerinnen freizulegen.
„All my work has to do with my experience, not with things that happen outside myself.“ Mit diesem Ausspruch formulierte d’Armagnac sein Verständnis von Performance als erfahrungsbasierte, hochgradig subjektive Ausdrucksform, die sich bei „een gebeuren“ als langsame Öffnung eines innerlichen Raums hin auf seine Umwelt vollzog. Gleichzeitig erklärt er seine Ablehnung gegen die Aufzeichnung seiner Performances – weder Fotografie noch Film als von „außen“ dokumentierende Medien schienen ihm geeignet, diese Qualität von Performance zu erfassen.
Ausgehend von rudimentärem Dokumentationsmaterial und Gesprächen mit d’Armagnacs Lebensgefährtin Louwrien Wijers hat Gufler d’Armagnacs Performance rekonstruiert. In seiner eigenen Version von „een gebeuren“, die sich lose an dem oben genannten Ablauf orientiert, erfasst Gufler das Geschehen jedoch mit einer GoPro-Kamera. Statt das langsame Erscheinen einer Person hinter der weißen Oberfläche zu dokumentieren, wie es die Fotografien von 1975 tun, zeigt sein Video den arbeitsamen Prozess des Freilegens und Öffnens aus der Innenperspektive – ein Akt, den Gufler mit der Freilassung der Fliegen am Ende der Performance vollendet, und mit dem er d’Armagnacs Performance fortschreibt. Zugleich macht sein Video deutlich, dass der Glaube an einen Zustand jenseits medialer Erfassung 40 Jahre nach d’Armagnac zur Illusion geworden ist.
Wie schon in anderen Videos, zuletzt in „Becoming-Rabe“ (2016), einer Arbeit über die Münchener Performancekünstlerin Rabe Perplexum, leiht Philipp Gufler Ben d’Armagnac für „een gebeeuren“ seinen eigenen Körper. Er nutzt ihn als Medium, um d’Armagnacs Performancebegriff und die inhaltliche Dimension seiner Aktion für die Betrachterinnen wieder ans Licht zu holen – nicht im Sinn einer detailgetreuen Rekonstruktion, sondern als freie Aneignung, in der sich d’Armagnacs und Guflers Positionen gegenübertreten können.
Diese Form des Bauchrednertums oder der „indirekten Sprache“, wie Gufler es in dem Video nennt, führt zur Dislokation der eigenen Subjektposition. Seine künstlerische Praxis konfiguriert sich spektral, mit und durch andere Personen und Haltungen. Dafür stehen exemplarisch die verschiedenen Quilts, mehrlagige Stoffe, die für ihn relevanten Persönlichkeiten und Orten gewidmet sind. Mit diesem Spiegelkabinett an Bezugspunkten widerspricht er dem heteronormativen Anspruch einer künstlerischen „Identität“. Im Sinne Hubert Fichtes (dem er 2013 seinen ersten Quilt widmete) beschreibt Gufler die indirekte Sprache als „queere Praxis“. Statt die eigene Position in den Vordergrund zu stellen, wählt er seine Ausdrucksweise in Resonanz mit dem Gegenüber. Und so wird Subjektivität bei Gufler zu „etwas, das sich ereignet“.
Patrizia Dander

Philipp Gufler
Een gebeuren
Performance am 2. Juni 2016 im de Appel art center, Amsterdam
Foto: Evelyn Taocheng Wang

 

 

Ausstellungsort

Galerie Francoise Heitsch

Amalienstr. 19 • 80333 M
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Mi–Fr 14–19 • Sa 12–16
Pfingstferien geschlossen