Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

The wound is the place where light enters you

24.11.2017 - 03.02.2018
The wound is the place where light enters you

Kuratierte Gruppenausstellung mit StipendiatInnen des Cusanuswerks, Bonn.

Der Titel der Gruppenausstellung ‘The wound is the place where light enters you‘ greift ein Zitat des persischen Sufi-Mystikers und Dichters Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207–1273) auf. Die StipendiatInnen der Künstlerförderung des Cusanuswerks wurden eingeladen, sich für eine Teilnahme an der Ausstellung in der Galerie der DG zu bewerben. Die eingereichten Arbeiten sollten existentielle Grenzerfahrungen spiegeln oder das Zitat Rūmīs in eigener Weise deuten. Ein Kuratorium, zusammengesetzt aus Cusanuswerk (Ruth Jung), DG (Benita Meißner) und VAH (Prof. Dr. Andreas Kühne), der unter anderem das hochdotierte Georg-Meistermann-Stipendium des Cusanuswerks fördert, traf die Auswahl der Künstler, die Arbeiten aus den Bereichen Skulptur, Malerei, Fotografie und Video eingereicht hatten.

“I said: What about my eyes? (God) said: Keep them on the road.

I said: What about my passion? (God) said: Keep it burning.

I said: What about my heart?
(God) said: Tell me what you hold inside it?

I said: Pain and sorrow.
(God) said: Stay with it. The wound is the place where the Light enters you.”

Diese Zeilen sind Sinnbild der schöpferischen Energie des Sufisten Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī, die durch seinen Trennungsschmerz ausgelöst wurde. Mit dem Wanderderwisch Schams-i Tabriz verband Rūmī eine tiefe Beziehung, in der Sinnliches und Geistiges miteinander verschmolzen waren. Nach dessen Tod ließ ihn der Dichter in seinen Versen hoch- und weiterleben. Die von allen Mystikern ersehnte Vereinigung mit dem göttlichen Geliebten wird bei Rūmī geistige Wirklichkeit. Seine Beziehung zu Schams-i Tabriz ist somit Symbol für die Beziehung des Menschen zu Gott mit der ihr eigenen Beseligung und auch Versagung.

Das spirituelle Erleben im Sufismus wirkt über die Grenzen der Religionen hinweg. Es verwundert nicht, dass das Wirken Jesu Christi von Rūmī beschrieben wird, da dieser als letzter Prophet vor Mohammed auch von Muslimen verehrt wird. Der Mystiker beschreibt in seinen Versen, dass Jesus als innerer Schatz jedem Menschen innewohnt und geboren werden möchte. Jedoch kann er nur durch schmerzliche Erkenntnis die Hüllen des Materiellen durchbrechen und hervorgebracht werden. Diese Gedanken werden einige Jahrzehnte später auch von Meister Eckehart (*1260 Gotha/Thüringen, +1328 in Avignon) aufgegriffen. Schmerz und Leid erscheinen gepaart mit Fürsorge und Heilung, die gerade in der Gestalt Christi die zentrale Botschaft bilden. Die Wundmale Christi stehen für unsere Errettung: Durch seinen Tod führt er die Menschen ins Licht.

Die Künstler reagieren auf den ersten Blick sehr unterschiedlich auf das vorgegebene Thema, doch ist vielen Arbeiten menschliches Leid, Verletzung oder die Auseinandersetzung mit einem Makel eingeschrieben. Sowohl die zerschlissenen Hauthüllen-Strukturen der ‚Geweihten‘ (2016) bei Birgit Dieker, als auch die benutzten Mullbinden (Ohne Titel, Hospitale Maius, 2017) und zerschnittenen Röntgenaufnahmen (Doloris Mysteria, 2017) in den Arbeiten von Michael Merkel thematisieren die „physische Verletzung“, gehen darüber hinaus und lassen somit Neues entstehen. In diesem Kontext sollen die Arbeiten von Joseph Beuys nicht unerwähnt bleiben, da sie das Sterben, Leiden und die Verwundung besonders umkreisen. Bereits sehr früh umwickelte Beuys Objekte mit Mullbinden (Unbetitelt, ca. 1955–1958). Seine Installation ‚Zeige Deine Wunde‘ (1974/75) greift das Thema der Versehrtheit weiter auf. Nicht nur Heugabel und Sichel lassen in den Fotografien von Margarethe Drexel an die Münchner Installation von Beuys denken. Es ist auch das Schaffen eines Kälte- und Wärmepols: das weiße Totentuch und der pulsierende lebende Körper, der sich nackt und verletzlich zeigt.

Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung verhandeln den Versuch, das Geschehene zu bewältigen. Kontrollverlust aber auch Hingabe erfährt, wer sich dem ‚papamiddwidea1‘ (2017) von Katharina Kneip anvertraut. Thomas Bratzke verarbeitet im ‚Brief an Omelio Espinosa‘ (2017) einen persönlichen Verlust, der in seiner Fantasie neue Bilder entstehen lässt und das Unerklärliche mystifiziert. Felix Helmut Wagner widmet sich im Video ‚Unter Uns‘ (2015) den Vergessenen und Stigmatisierten der Gesellschaft, einem Makel, den wir gerne übersehen. Nur durch das Offenlegen einer Wunde kann Heilung erfolgen. Dinge sichtbar zu machen ist auch ein wichtiges künstlerisches Mittel. So greift Wagner im Video ‚Die Meerjungfrau‘ (2014) vermeintlich naiv ein Märchen auf, in dem Arielle sagt: „Ich sehe nicht ein, dass eine Welt, die so viele wundervolle Dinge hat, schlecht sein kann“. Ein berührender Satz, der nachhallt.

Birgit Dieker
Geweihte, 2016
Kleidung, Geweihe
205 x 121 x 100 cm
Foto: Thomas Jautschus
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

 

Ausstellungsort

Galerie der DG – Deutsche Gesellschaft für Christliche Kunst e.V.

Finkenstr. 4 (Wittelsbacher Platz) • 80333 M
Tel. +49 89 28 25 48 • Fax +49 89 28 86 45
www.dg-galerie.deinfo@dg-galerie.de
Di–Fr 12–18 • Mo und Feiertage geschlossen • Eintritt frei
barrierefrei