Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Galerie Andreas Binder

Knöbelstr.27 • 80538 M
Tel. +49 89 219 39 250 • Fax: +49 89 219 39 252
www.andreasbinder.deinfo@andreasbinder.de
Di–Fr 11–18.30 • Sa 11–15

Knöbelstr.27
80538 M

Laufende Ausstellungen

Julio Rondo

Julio Rondo

report_images

29.09.2017 - 25.11.2017
Julio Rondo
Atelieransicht

Unter dem Titel „Report_Images.“ zeigt die Galerie Andreas Binder die bereits siebte Einzelausstellung des Künstlers Julio Rondo.
Weiterhin bewegen sich Julio Rondos Arbeiten zwischen abstrakter Malerei und Objekthaftigkeit. Durch die Verwendung der für sein Werk charakteristischen Technik der Hinterglasmalerei erzeugt er einen Bildraum, der - ähnlich einem Vakuum - nicht die Erinnerung selbst, sondern die erlebte Vergangenheit in ihrer ganzen Subjektivität einfängt und gleichsam am Leben erhält.Die signifikanten Verweise auf subjektiv Erlebtes und kollektive Grundstimmungen, die durch den künstlerischen Abstraktionsprozess entstehen und mit den filternden Funktionen des Gedächtnisses einhergehen, lassen Rondos Gemälde als einen mystischen Raum erfahrbar werden, der zur Projektionsfläche jeglicher subjektiver Assoziationen wird. Die Abstraktion dient dabei weder dem Ausdruck des Kontextverlusts des postmodernen Individuums, noch erhebt es die Werke in eine Sphäre der Autonomie. Vielmehr lässt sich hier von einer Art „Romantischen Abstraktion“ sprechen, bei der in der Grauzone zwischen Intellekt und Gefühl die privaten Mythen des Lebens als fester und gleichberechtigter Bestandteil der Wirklichkeit Einzug in die Gegenwart erhalten. Die Referenzlosigkeit ist trotz bewusst aleatorischer Benennung der Werke also nicht derart absolut, dass ein Zugang nur diskursiv kunstimmanent möglich wäre. Vielmehr stellt Rondo seine Kunst in einen Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben, indem er persönliche Erfahrungen in Bildobjekte verwandelt, die logozentrisch nicht erkennbare Stimmungen der Vergangenheit abbilden. Von jeglichem narrativen Beiwerk befreit, wird das was sich zwischen der realen Erinnerung und Ihrer wirklichen Bedeutung abspielt, im kontrollierten und ruhenden Bildraum sichtbar und ästhetisch erfahrbar.
Dem künstlerischen Rahmen der Hinterglasmalerei stets treugeblieben, werden nun in Julio Rondos neuen Arbeiten starre geometrische Formen ebenso wie durch Airbrush-Techniken erzeugte Linien und Farbschüttungen, in einer Art Rückbesinnung auf seine Studienjahre bei K.R.H. Sonderborg, durch den Pinselstrich, als elementarstes künstlerisches Ausdrucksmittel des Malers, ersetzt. Die vermeintliche Fokussierung auf den gestischen Auftrag drückt sich hier jedoch nicht in einem expressiven, spontanen Akt der Malerei aus, sondern ist weiterhin das Ergebnis einer dem bildschaffenden Prozess vorangegangenen Planung von Technik, Mitteln und Komposition. Sich aus seinem individuellen, visuellen Archiv bedienend, schafft Rondo auch hier auf Rückwand und Glas mit schnell trocknender Acrylfarbe, eindrückliche Dokumente eines Lebens, das ohne seine Umwelt mimetisch abzubilden, Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen als Malerei zu aktivieren vermag. Breite Pinselstriche in ungewohnt lebendigen Farben machen deutlich, wie Vergangenes Einfluss nimmt auf die Gegenwart und wie auch das Erinnern selbst sich im immerwährenden Fluss befindet. Rondos Anlehnung an die Leinwandmalerei in der gleichzeitigen Abgrenzung zu Ihr, spiegelt sich in den neuen Arbeiten ebenso wider wie die von der grellen Popkultur geprägten vergangenen Jahrzehnte. Ohne jeglichen Wahrheitsanspruch, macht Rondo die Vergangenheit in ihrer Essenz erfahrbar. Denn trotz und gerade aufgrund der autobiographischen Färbung seiner Werke, wird in ihnen und durch sie deutlich, dass jedes Erleben, alles Erinnern und jedes Kunstwerk individuell und spezifisch und eben nicht beliebig ist, und das Leben und Kunst nicht vom Gefühl der Kontingenz geprägt sein müssen, sondern ebenso durch Freiheit und Leichtigkeit bestimmt sein können.
Text: Leni Senger
Parallel zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

 
 

Kommende Ausstellungen

Dieter Rehm

Dieter Rehm

Under A Blood Red Sky

01.12.2017 - 03.02.2018
 

Vergangene Ausstellungen

Matthias Meyer

Matthias Meyer

Neue Werke im Kabinett der Galerie Andreas Binder

25.07.2017 - 20.09.2017
Anlässlich seiner derzeitigen Einzelausstellung im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr.

Trauben, 2016
Öl auf Leinwand
90 x 80 cm
 

Yigal Ozeri & Eugene Lemay

Yigal Ozeri & Eugene Lemay

Dual Tones

23.06.2017 - 23.09.2017
Yigal Ozeri
untitled (Cristal), 2017
oil on canvas
30 x 40 inch | 76 x 102 cm

Die Schönheit des Menschen, als ein Amalgam aus Körperlichkeit und Innerlichkeit, Verstand und Sinnlichkeit, Oberfläche und Seele, ist das zentrale Motiv der Ausstellung Dual Tones. Da die innere Schönheit als Spiegel unserer Gedanken und Gefühle gleichermaßen den Körper durchdringt, bleibt sie stets untrennbar mit der äußeren Schönheit und der körperlichen Anmut einer Person verbunden. In der Gegenüberstellung von Yigal Ozeris photorealistischen Porträts mit den abstrakten, nur mehr im Ansatz figurativen Werken Eugene Lemays spiegelt sich nun genau diese Komplexität wider.
Zwei Jahre nach der Ausstellung Monochrome (Galerie Andreas Binder, 2015) kehren die beiden Künstler zurück und setzen stilistisch und figurativ neue Akzente. Farbe wird zum treibenden Element, die sich sowohl in der vermeintlich oberflächlichen, heiteren Schönheit der Porträts von Yigal Ozeri als auch in Eugene Lemays abstrahierenden, chaotisch anmutenden Werken wiederfindet. Der Blick, der sanft über Ozeris photographische Bilder schweift, stagniert unvermittelt in Anbetracht von Lemays Abbildern des geordneten Chaos.
Geht man nun von der Ästhetik des Erhabenen als einem Gefühl des Einklangs von Vernunft und Sinnlichkeit aus, so erzielen die beiden Künstler diesen Zustand beim Betrachter durch die Kontrastierung unterschiedlicher Abbildungsweisen von Subjekten. In Ozeris akribisch genauer Technik, bei der er das Model idealisiert und in makelloser Schönheit abbildet, spiegeln sich ebenso apollinische Prinzipien wider, wie in Lemays Gemälden das Dionysische hervortritt. So schafft Eugene Lemay aus den Urgründen seiner Psyche, dem inneren Chaos, eine die Grenzen der Figürlichkeit überschreitende, malerische Schönheit. Dieser Ausdruck von Innerlichkeit spiegelt sich dann in seiner metaphorischen Farbwahl wider, seine Porträts wirken beunruhigend, roh und aggressiv. Fast macht es den Anschein, als würden Verstand und Gefühl im Übermaß und Wiederstreit aus dem Körper auszubrechen versuchen.
Dual Tones kann so sowohl als komplexe Metapher für Schönheit als auch als Verbildlichung von Ästhetik betrachtet werden. Hier verschwinden nicht nur stilistische und technische Differenzen, vielmehr verschmelzen die Grenzen zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit, Subjekt und Objekt, Gesehenem und Gefühltem und schließlich zwischen Ästhetik als Theorie und Schönheit als Praxis.

 

 

 
 

Philipp Lachenmann

Philipp Lachenmann

Delphi_Essentials

27.04.2017 - 17.06.2017
In DELPHI_Essentials stellt Philipp Lachenmann grundlegende Fragen an die künstlerischen Mittel und untersucht das kunsthistorische Ausdrucksrepertoire, das einem Künstler heute zu Verfügung steht. In Form einer virtuellen Rückkehr an den Anfang der Kunst befasst Lachenmann sich mit den Voraussetzungen und dem Wesen des bildnerischen Materials. Erstarrten Konventionen und vorschnellen Erwartungen an eine Kunstform begegnet er mit Umcodierungen und Neuformulierungen. Dabei werden die Grenzen zwischen Skulptur, Malerei, Photographie und Film strapaziert, die Medienkategorien auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert und in ihren Basisfunktionen reflektiert. Einzelne Arbeiten lassen sich kontextuell so miteinander verweben, dass sie sich gegenseitig als Katalysatoren dienen, um ihre Eigenheiten, Bestandteile und Konturen schärfer hervortreten zu lassen.
Schliesslich ist DELPHI_Essentials in Philipp Lachenmanns spezifischer, die künstlerischen Grundlagen trennenden und wieder neu verschmelzenden Praxis auch das Projekt einer Selbstsezierung des Künstlers, der hier sein eigenes Instrumentarium offenlegt.
Ausgangspunkt von DELPHI_Essentials ist im Prinzip der einzelne Pinselstrich, der sich in den Mirror Paintings als impulsiver Gestus ebenso formuliert findet, wie er in konzeptueller Form die Handschrift eliminiert. Dieser vermeintliche Widerspruch führt ästhetisch mittels eines produktiven Verfremdungsprozesses zu sinnstiftender Irritation und Erfahrung von Sinnlichkeit.
Die Ausstellung umfasst vier Werkgruppen: Die Gemälde der MIRROR PAINTINGS, die von Moholy Nagys Telefonbildern inspirierten SPLASH Fotografien, MIRROR SANDBOX, die skulpturale Installation eines Sandkastens mit ikonischen dreidimenstionalen Bildwerken, und die Video-Installation DELPHI RATIONALE, die den Betrachter in einen weiterführenden Gedankenraum des derzeit ambitioniertesten Forschungsprojekts auf der Suche nach den Ursprüngen der physikalischen Materie führt.
Der Titel "DELPHI_Essentials" bezieht sich auf Delphi als Ort & Orakel, ist Referenz an den Ursprung der vermittelten (Selbst-)Erkenntnis und die "Mitte der Welt" und impliziert so die zwei zentralen Themen der Ausstellung Beginn & Übersetzung, hier auch verstanden in den erweiterten Bedeutungsfeldern von Veränderungsprozess, Transformation, Übergang, Echo.

Philipp Lachenmann, 1963 geboren, studierte nach einer Ausbildung als Architekturmodellbauer Kunstgeschichte, Philosophie und Film in München und absolvierte ein Postgraduiertenstudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Seit 2010 lebt und arbeitet Philipp Lachenmann in Berlin.

Im Zentrum seines Interesses stehen die Mechanismen und Wirkungsweisen des Imaginären, insbesondere die Verschiebungen, Parallaxen des sogenannten Kollektiven Gedächtnis, des Collective Imagery. Seine Filme, Fotografien, Skulpturen, Gemälde und Installationen sind durchweg geprägt durch die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Bildgenese, mit Repräsentationsstrukturen und Bedeutungsmonopolen. Er decodiert ihre Prägungen und macht sie durch einfache Eingriffe auf neuer Ebene lesbar. Dabei analysiert seine Kunst präzise jene visuellen Verführungen, die zu inneren Bildern und Fetischen geronnen, auch politisch wirkungsmächtig unseren Alltag formen. Lachenmanns Arbeiten agieren und argumentieren auf verschiedenen semiotischen Ebenen, sodass sie sich variabel lesen lassen, ihre Offenheit bewahren und zur Dekonstruktion hegemonialer Deutungshierarchien führen.

Philipp Lachenmann | Studio View

 

 
 

Philipp Lachenmann @ Kino der Kunst

Philipp Lachenmann @ Kino der Kunst

19.04.2017 - 23.04.2017
DELPHI Rationale - test version_1 - work in progress

FILM SCREENING @ Andreas Binder Gallery
opening hours: Wed - Fri, 12 - 6 pm | Sat, 11 am - 3 pm | Sun, 12 - 4 pm
 

Geometrics

Geometrics

Gruppenausstellung

09.02.2017 - 08.04.2017
Gerhard Richter
Imi Knoebel
Günther Förg
Blinky Palermo
Donald Judd
Fred Sandback
Frank Stella
Gerhard Merz
Anton Hiller
Julio Rondo
Paul Winstanley
Jan Davidoff
Hadrien Dussoix
Stefan Hunstein
Alex Hernández & Ariamna Contino

Unter dem Ausstellungstitel Geometrics präsentiert die Galerie Andreas Binder ein breites Spektrum moderner und zeitgenössischer künstlerischer Positionen, die sich auf unterschiedlichste Weise mit geometrischen Formen und Objekten als Bildinhalte auseinandersetzen.

Ein Großteil der Werke können dabei als abstrakte, ungegenständliche, konkrete oder konstruktivistische Kunst bezeichnet werden, wenn auch die klare Abgrenzung zur figurativen oder mimetischen Kunst nicht für alle Arbeiten gleichermaßen charakteristisch ist. Dennoch haben die Skulpturen, Papierarbeiten und Gemälde die geometrische Form als ein Maximum an Klarheit, Ausgewogenheit, Geschlossenheit und Neutralität als zentralen Bezugspunkt gemein. In ihrer elementaren und archaischen Einfachheit sind die Linie als Grundelement der Geometrie sowie das Quadrat als einfachste geometrische Figur sowohl in der Lage nur auf ihre Gegenständlichkeit zu verweisen und damit jede Bildlichkeit zu verweigern, als auch eine gegenstandslose Bildlichkeit zu vermitteln, die, sich den Begrifflichkeiten der Sprache wiedersetzend, nur mehr sinnlich wahrgenommen werden kann.
Am Anfang der bildnerischen Abstraktion steht der Kubismus und die Suche nach der Urform archaischer Gestaltung. Und so bricht auch Anton Hiller in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit den Traditionen der bildnerischen Darstellung von Figuren, indem er stereometrische Körper mit konstruktiver Strenge in bestimmten Konstellationen zusammensetzt. Damit reduziert und vereinfacht er zwar die menschliche Gestalt, abstrahiert sie aber noch nicht zur geometrischen Formel. Anders verhält es sich bei den zeitgenössischen Kupferskulpturen Jan Davidoffs, die gerade durch die Reduktion auf eine alleinige geometrische Formsprache die Symmetrie des Raumes untersuchen und so sowohl die Grenzen zwischen Architektur und Skulptur als auch zwischen Werk und Umgebung aufbrechen.
Als einziger gegenständlich malender Künstler der Ausstellung macht Paul Winstanley nun in seiner Art School-Serie den leeren Raum einer Kunstakademie selbst zum Bildinhalt und transformiert diesen in einen perfekten geometrisch und minimalistisch konstruierten Bildraum, dessen Wirkung in keinerlei Zusammenhang mit der des realen Raums steht. Eine Abstraktion der geometrischen Formen des realen Raums finden sich ebenfalls in den Fotoarbeiten Stefan Hunsteins. Auch Ariamna Contino & Alex Hernandez greifen geometrische Formen des alltäglichen Lebens auf. Sie verwandeln statistisches Material in ästhetische zweidimensionale Kunstwerke und thematisieren damit nicht nur die grundlegende Beziehung zwischen Bildender Kunst und ihrer sozialen Funktion, sondern auch die Ambiguität zwischen Ethik und Ästhetik.
Die bisher noch klar erkennbaren Bezugspunkte zum materiellen Gegenstand und dessen Abstrahierung und Ästhetisierung, verschwinden bei Julio Rondos Hinterglas-Malerei zunehmend. Indem dieser seine Erinnerung in geometrischen Mustern abbildet, schafft er seine eigene Wirklichkeit, die nicht mehr rational begreifbar ist. Form und Linie geraten hier, wie auch in Hadrien Dussoix´ Gemälden, ins Schwingen.
Ganz im Gegensatz dazu, tritt nun in den Linienbildern von Vertretern der Minimal Art, wie Donald Judd und Fred Sandback, aber auch von Gerhard Merz und Gerhard Richter, an die Stelle der Komposition von geometrischen Objekten als Ausdruck des nicht Verbalisierbarem die genuin arithmetische Konstruktion als Inbegriff der gegenstandslosen Malerei. Die Bilder selbst als faktische Gegebenheiten sind lediglich in der Lage sich selbst zu verbildlichen, wodurch Raum und Betrachter, Farbe und Form zu ihren wichtigsten Bestandteilen werden.
Gefeit gegen jeden Vorwurf des Dekorativen werden sie im Raum immaterieller Leere zur Projektionsfläche der Empfindungen des Betrachters. Insbesondere die Farbfeldmalerei Blinky Palermos, Günther Förgs und Frank Stellas, die sperrigen Bildobjekte Imi Knoebels und die monochromen Leinwandreliefs Turi Simetis ermöglichen in Ihrer Autonomie, Reduktion und Bezugslosigkeit die sinnliche Wahrnehmung von Form und Farbe und damit auch jedwede Form der subjektiven Rezeption.

Julio Rondo
untitled yet, 2016,
Acryl hinter Glas, gerahmt
152 x 122 cm
Atelieransicht

 

 
 

Anna Krammig

Anna Krammig

neue Arbeiten

25.11.2016 - 04.02.2017
In der bereits zweiten Einzelausstellung von Anna Krammig zeigt die Galerie Andreas Binder unter dem Titel All das andre ist jetzt, jetzt, jetzt neue Arbeiten der Meisterschülerin von Professorin Karin Kneffel.
Wie schon in Anna Krammigs früheren Werken, steht auch im Mittelpunkt der Gemälde dieser Ausstellung nicht allein das gegenständliche Motiv. Vielmehr wird in Anna Krammigs Kunst der räumlich und zeitlich begrenzte, flüchtige Ausschnitt eines Geschehens zum eigentlichen Bildinhalt. Seien es Schatten von Bäumen auf Häuserwänden, Spuren von Menschen im Innenraum oder zuletzt auch Spiegelungen unter Wasser, stets versucht die Künstlerin das Flüchtige und nur schwer Fassbare auf der Leinwand festzuhalten. Dieses Anliegen spiegelt sich auch in ihrer, bei aller handwerklichen Präzision und Raffinesse, stets oszillierenden Malerei wider.
Anna Krammig spielt dabei mit dem bildnerischer Repräsentation inhärenten Charakteristikum der grundlegenden Abwesenheit des Dargestellten im Bild. Erst die Absenz des Repräsentierten ermöglicht dessen Darstellung. Indem Anna Krammig nun Spuren zum eigentlichen Motiv legt, schafft sie einen durch die Interaktion zwischen Bild und Betrachter entstehenden Raum der Präsenz.
All das andre ist jetzt, jetzt, jetzt wird so fast zur programmatischen Anleitung für die Rezeption einer Kunst, die im Spiel mit Licht, Schatten, Flächen und Raumtiefen, zur Projektionsfläche der Gedanken und Assoziationen des Rezipienten selbst wird und so das Einfangen der eigenen Gegenwart im Bild ermöglicht.
Parallelen zur poststrukturalistischen Literaturtheorie, die den Fähigkeiten des Lesers eine hohe Bedeutung im Prozess der Sinnstiftung beimisst, sind dabei kein Zufall. So ist nicht nur der Ausstellungstitel einem Gedicht von Tomas Tranströmer* entliehen, auch die Künstlerin selbst beschäftigt sich schon seit längerem mit der Verwandtschaft von Literatur und Malerei, zuletzt im Rahmen ihrer Masterarbeit, die sie in diesem Jahr in Zürich präsentierte.
Was also ist all das andre? Wenn all das andre jetzt ist, dann findet die eigentliche Wirklichkeit im Moment der Betrachtung von Stillleben und Spuren von Leben statt. Das Einfangen der Gegenwart, an dem das Abbild aufgrund seiner Funktion als Repräsentant des nicht-Präsenten eigentlich scheitern muss, gelingt Krammigs Werken, indem sie die Blicke auf das offensichtlich Verborgene lenken und in ihnen so einen Raum für das Jetzt entstehen lassen.
(*Tomas Tranströmer, Dezemberabend `72, in: Sämtliche Gedichte, (Edition Akzente) Carl Hanser Verlag München 1997, S. 130)

PALME (Auszug aus dem Notizbuch von Anna Krammig)
Ich stehe vor einer Wand.
Schatten liegen darauf.
Das Panorama im Rücken.
Ich sehe es, ohne das Gesicht hinzuwenden.
Dazwischen.
Vorstellung und Wirklichkeit treffen sich auf
meinen Schultern.

Anna Krammig (*1981) lebt und arbeitet in der Schweiz und Deutschland. Studium der Freien Kunst an der Ecole Régionale des Beaux-Arts de Nantes sowie Studium der Malerei an der Hochschule für Künste in Bremen. Ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste München schloss sie als Meisterschülerin bei Prof. Karin Kneffel ab. 2012 erhielt sie ihr Diplom mit Auszeichnung, 2016 ihren Master of Fine Arts an der Zürcher Kunsthochschule. Nationale sowie internationale Ausstellungen (Auswahl): 2017 Kunstmuseum Engen am Bodensee; Kunstverein Baden Baden; 2015 Kunstverein Recklinghausen; Mal was Deutsches. 10 Positionen zeitgenössischer deutscher Kunst, Hangar7 Salzburg; 16. Kunstpreis, Kunstverein Aichach; KKKK, Kunstverein Oberhausen; 17//24. Auswahlausstellung des Cusanuswerks Bonn; Städtische Galerie, Bremen; etc. In der Juli-Ausgabe 2016 des art-Magazins erschien außerdem ein 1seitiger von Dr. Birgit Sonna verfasster Beitrag über Anna Krammig unter der Rubrik „Starter // Die neuen Künstler“.

Anna Krammig
o.T. (Gelb), 2016
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm

 
 

Ariamna Contino & Alex Hernandez

Ariamna Contino & Alex Hernandez

07.10.2016 - 19.11.2016
Alle Arbeiten aus der Serie:
Alex Hernández / Ariamna Contino - Militancia Estética / Aesthetic Militancy (based on
drug traffic statistics), 2015
Handausgeschnittenes Papier, Graphit und Epoxy-Farbe über Glas
variable Größen

Mit der Ausstellung Militancy Aesthetics präsentiert die Galerie Andreas Binder erstmalig die kubanischen Künstler Ariamna Contino und Alex Hernández, die in diesem Jahr bereits Teil der Gruppenausstellung Cuba Libre im Ludwig Museum in Koblenz und 2015 der Havanna Biennale auf Kuba waren.
Ariamna Contino und Alex Hernández beziehen sich in Ihrer gleichnamigen, gemeinschaftlich konzipierten Werkserie Militancy Aesthetics auf medial verbreitetes und für Jedermann zugängliches statistisches Material zu soziopolitisch relevanten Themen wie unter anderem Drogenhandel, Migration, Waffenbesitz und Mordverbrechen. Durch die Verwandlung dieser geometrisch abstrakten Vorlagen in ästhetische zweidimensionale Kunstwerke, thematisieren sie die Beziehung zwischen Bildender Kunst und ihrer sozialen Funktion und damit auch die Ambiguität zwischen Ethik und Ästhetik.
Auch Ariamna Continos Werkserie Relicario, in deren Mittelpunkt mit Diamanten dekorierte und goldenen Schriftzügen verzierte Pistolen stehen, greift das kämpferische Potential der Ästhetik auf, indem sie die real stattfindende Ästhetisierung von Mordinstrumenten zu dekorativen Accessoires in autonome Kunstwerke übersetzt und sie so zum Symbol des Missbrauchs der Kunst in der Gesellschaft macht. Damit verdeutlicht die Künstlerin die enge Verbindung zwischen sozialen Mustern und deren ästhetischer Oberfläche und dekonstruiert diese Symbiose gleichsam in der künstlerisch formalen Aufarbeitung.
Der Gebrauch der Technik des Scherenschnitts und die Überlagerung von unzähligen Lagen von Papier verstärkt einmal mehr die Intention des Aufbrechens einer nur vermeintlich kohärenten Oberfläche und das Sichtbarmachen der Vielschichtigkeit der Ästhetik und ihrer gesellschaftlichen Relevanz.
Ähnlich verhält es sich bei Alex Hernández Werken aus der Serie Feng Shui. Auch er verwendet das Oval Office des US-amerikanischen Präsidenten als zentrales Symbol für politische Macht und kritisiert so die staatliche Instrumentalisierung ästhetischen Ausdrucks zur Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen.
Mit dieser klar erkennbaren konzeptuellen Ausrichtung der Werke von Ariamna Contino und Alex Hernández steht Militany Aesthetics ganz im Zeichen einer Kunst, die sowohl den kunsttheoretischen- als auch den politischen Kurs aufgreift und kunstimmanent die dekorative Oberfläche zum Schauplatz des Kampfes zwischen formaler Ästhetik und ästhetischer Schönheit macht.

Ariamna Contino (geb. 1984) und Alex Hernández (geb. 1982) leben und arbeiten in Havana und schlossen ihr Studium 2004 an der Academia Nacional de Bellas Artes San Alejandro in Havana ab. Nationale sowie internationale Ausstellungen (Auswahl):
Alex Hernández: 2016 Cuba Libre, Ludwig Museum, Koblenz; Americas Museum of Washington; Rogue Space Chelsea, New York; Wifredo Lam Center, Havana; 2015 Octavia Art Gallery, New Orleans; Gallery Veerbeck van Dyck, Antwerp; 12th Biennial of Havana; Gallery Havana, Havana; 2013 La Galería Cubana, Boston; 2012 11th Biennial of Havana, Havana; 2011 Cleveland Contemporary Museum of Art, Cleveland; Art 12 Gallery, Antwerp; 2009 Krannert Art Museum, Illinois; New Museum, New York; 10th Biennial of Havana, Ludwig Foundation of Cuba, Havana; 2008 Iniva Museum, London; 2007 Rufino Tamayo Museum, Mexico City; Brooklyn Museum, New York.
Ariamna Contino: 2016 Cuba Libre, Ludwig Museum, Koblenz; 2015 12th Biennial of Havana; 2014 Galería Havana, Havana; Centro de Desarrollo de las Artes Visuales, Havana; Factoría Habana, Havana; Fábrica de Arte Cubano, Havana; 2013 Engraving Salon, Development Center of Visual Arts, Havana; Manoir of Cologny Cultural Center, Geneva; 2012 11th Biennial of Havana, UNEAC, Havana; 2011 Fundación Ludwig, Havana; Academia de San Alejandro, Havana; 2009 Digital Clone Project Ludwig Foundation, Development Center for the Visual Arts, Havana; 2008 Ludwig Foundation of Cuba, Havana.
 

Matthias Meyer

Matthias Meyer

Fensterbilder

25.06.2016 - 01.10.2016
Mit Fensterbilder präsentiert die Galerie Andreas Binder bereits die siebte Einzelausstellung des Künstlers Matthias Meyer, in der Werke gezeigt werden, die sowohl stilistisch als auch thematisch an vorherige Arbeiten anknüpfen. Stand in seiner Ausstellung im Jahr 2014 noch das Element Wasser in all seinen natürlichen Erscheinungsformen im Zentrum der Gemälde, so weicht dieses Motiv in den Fensterbildern nun einem weiteren transparenten Medium, dem Fensterglas. Auch hier bilden Ausschnitte der Wirklichkeit die Grundlage einer Malerei, die in ihrer sowohl ästhetischen als auch inhaltlichen Mehrschichtigkeit das eigentliche Motiv zugunsten der Auseinandersetzung mit Licht und Farbe nahezu verschwinden lassen. Das Fensterglas, das stets den Vordergrund spiegelt und zur selben Zeit Einblicke in ein Dahinter zulässt, wird auf der Leinwand zur Spielwiese und Projektionsfläche für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Leuchtkraft des Lichts. Gleichsam ermöglicht das Licht, das durch durchlässige Farbschichten auf die Leinwand bricht, dem Betrachter Einblicke in eine von Empfindung, Leuchtkraft und Farbe gesättigte transzendentale Welt. Analog zur psychoanalytischen Filmtheorie gelesen, bei der die Kinoleinwand durch seine natürliche Begrenzung als Fenster zum Unterbewussten betrachtet wird, wird hier das Motiv des Fensters auf der Leinwand zum Spiegel unterbewussten Kunstschaffens und ermöglicht so auch dem Betrachter Zugang zu traumartigen Welten. Diese intuitive Komponente, angesiedelt zwischen spiritueller und psychologisierender Interpretation, spiegelt sich dann auch in der konkreten künstlerischen Vorgehensweise Matthias Meyers wider: So bedient sich der Künstler zwar der Fotografie als Vorlage für seine Gemälde, die Ausfertigung entsteht jedoch davon losgelöst in einem improvisierenden, fast traumwandlerischem Duktus. „Es ist ein Risikomoment“, gesteht er. „Eigentlich baue ich das Bild abstrakt von hinten her auf, sobald ein Detail kenntlich wird, stoppe ich den Prozess wieder.“ Und dennoch können Matthias Meyers Bilder - trotz seiner eigentlichen Ablehnung der theoretischen Übersättigung seiner Kunst – nicht gänzlich frei von zentralen Fragen des kunsttheoretischen Diskurses betrachtet werden. Die Abkehr vom Figurativen sowie von der geometrischen Abstraktion und die gleichzeitige Anerkennung von Fotografien von Glaskunst als Gedächtnisstütze, mündet in der Praxis in ein Prinzip der Formlosigkeit, in dem die Farbe autonom eingesetzt wird. Dank dieses technisch-konzeptuellen Ansatzes, scheint es Matthias Meyer zu gelingen, den Antagonismus zwischen Figuration und Abstraktion zu überwinden. Im Spiel mit den unterschiedlichen Genres Architektur, Glaskunst, Fotografie und Malerei kehrt Matthias Meyer somit zu einem fast spirituellen Impetus zurück, in der die handwerklich-künstlerische Bündelung des Lichts im zweidimensionalen Medium mittels des Einsatzes von Farbe, wie schon in der sakralen Glasmalerei, in einem spontanen künstlerischen Akt die Wiedergabe einer weiteren Wirklichkeit auf der Leinwand ermöglicht.

Matthias Meyer (*1969) lebt und arbeitet in Mülheim an der Ruhr. Sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf schloss er als Meisterschüler bei Prof. Gerhard Richter ab. 1994 war er Gaststudent an der Londoner Chelsea College of Art und gewann im darauffolgenden Jahr die SBC European Art Competition des Schweizerischen Bankvereins. 2015 erhielt er das Arbeitsstipendium der Konrad Adenauer Stiftung EHF 2010. Nationale sowie internationale Ausstellungen (Auswahl): 2014 Kunstverein Leverkusen, Schloss Morsbroich; Das flüssige Element, SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, Museum Ahrenshoop, Niederlande; „Wetland“, Gallery Danese Corey, NY; Gallery Wilma Tolksdorf, Frankfurt; „2x2“, EKFF Eileen Kaminsky Family Foundation, NYC; „Vom tatsächlich Sichtbaren“, Kunstverein Duisburg; „Unlängst im Wald“, Zentrale der Bayerischen Staatsforsten, Regensburg; Inter Cool 3.0., Hartware Medienkunstverein + Künstlerhaus Wien, Dortmund; Inner Space/Outer Limits: The Vern Collective, Walker´s Point Center for the Arts, Milwaukee WI; „Landschaft entdecken“, Kunstsammlung Gera; „Maha Kumbh Mela“, Junge Kunst e.V., Wolfsburg.

KUNSTWOCHENENDE:
25. & 26. Juni | Sa & So 11-18 Uhr
 

Anna Navasardian

Anna Navasardian

Assembly

22.04.2016 - 20.06.2016
Die Galerie Andreas Binder präsentiert mit „Assembly“ bereits die zweite Einzelausstellung der 1988 in Armenien geborenen und in NYC lebenden Künstlerin Anna Navasardian. Gezeigt werden Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, die sich mit Fragen kollektiver Identität und Möglichkeiten der Individualität im Kollektiv auseinandersetzen.
Die Grundlage der Arbeiten Navasardians bilden stets die Traditionen der Portraitmalerei. Als Quellen dienen der Künstlerin sowohl Familienfotografien und Magazine aus der Sowjetzeit, als auch die Sitzungen mit Modellen. In ihren neuen Gruppenportraits verwendet Anna Navasardian ebenfalls Elemente, Muster sowie weitere vertraute Gestaltungsformen als Metapher für die Konformität der Gruppe selbst. Dabei betont sie die Mentalität institutionalisierter Gemeinschaften durch den Gebrauch bildnerischer Mittel der Struktur- und Formgebung und die gleichzeitige detailgetreue Ausarbeitung der einzelnen Charaktere. So entsteht im Bild eine nur bei der ersten Betrachtung harmonische Atmosphäre. Schon der zweite Blick lässt die Konflikte erahnen, die innerhalb einer Gruppe individueller Subjekte entstehen können.
Noch deutlicher wird dieser Ansatz der Kritik an einer nur oberflächlich homogen und friedlich wirkenden Ansammlung von Personen in ihrer „Mob“-Serie: Hier tauchen aus einer flüchtigen Menschenmasse vereinzelt definierte Gesichtszüge auf, um dann - schwankend, angetrieben von etwas nicht Sichtbarem – wieder in einem Meer anonymer Figuren zu verschwimmen. Es bleibt unklar, ob Freude oder Angst die Massen vorantreiben, ob sie im Rahmen des Gemäldes gefangen sind oder im nächsten Moment über den Gemälderand herauszutreten drohen. Doch gerade in diesen gestalterischen und inhaltlichen Widersprüchen spiegelt sich die der kollektiven Identität inhärente Komplexität wider, die Anna Navasardians Arbeiten zum Sinnbild einer Welt der gleichzeitigen Verflochtenheit und Dichotomie machen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Anna Navasardian, erst kürzlich vom Camplex Magazin unter die Top 25 der Künstler unter Fünfundzwanzig gewählt, ist eine Absolventin der Carnegie Mellon University. Mit dem Samuel Rosenberg Award als vielversprechende junge Künstlerin und den L. Porter Award hat sie bereits zwei renommierte Preise gewonnen. Unter anderem hatte die Künstlerin Einzelausstellungen bei der Claire Oliver Gallery und bei Gasser Grunert in New York, sowie bei Michael Janssen in Singapur.
Derzeit lebt und arbeitet Anna Navasardian in New York City.

 

 
 

Claire Obscure

Claire Obscure

Gruppenausstellung

05.02.2016 - 16.04.2016
Philipp Lachenmann, Matthias Meyer, Yigal Ozeri, Stefan Hunstein, Jan Davidoff, Anna Krammig, Rolf Walz, Dieter Rehm, Julio Rondo, Anna Navasardian, Gerhard Richter und Sigmar Polke

Die Ausstellung Claire Obscure widmet sich, in Anlehnung an die französische Übersetzung des künstlerischen Stilbegriffs Chiaroscuro, zeitgenössischen Kunstwerken, die sich insbesondere durch ihr Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten auszeichnen. Mit der Auslegung des Begriffs als eine seit der Renaissance die Kunstproduktion- und Theorie maßgeblich bestimmenden ästhetischen Technik der Dramatisierung und Vitalisierung der Szene durch das ins Licht getauchte Motiv vor dunklem Hintergrund, sind die Lesarten von Clair-obscur jedoch noch nicht erschöpft. Nicht allein die Dichotomie hell und dunkel findet sich hier als offensichtliches Merkmal der gezeigten Arbeiten von Künstlern der Galerie wieder, sondern ebenso ihre gleichzeitige optische Klarheit als auch inhaltliche Mehrdeutigkeit. Auf den ersten Blick sieht sich der Besucher der Ausstellung Claire Obscure mit Werken konfrontiert, die sich aufgrund ihrer vordergründigen, dekorativen Ästhetik unmittelbar an der Oberfläche zu erschließen scheinen. Trotz gemeinhin dunkler Farbgebung und einem romantischen und geheimnisvollen Zauber, der sie umgibt, lassen sie sich fern von postmodernen Kunstdiskursen oder einer autonomen Ästhetik verstehen und fühlen. Die zeitgenössischen Künstler bilden Ihre Wirklichkeit mimetisch und abstrakt ab und haben dabei ein Grundaxiom gemein:
Es gibt keine Gewissheit, keine Klarheit, keine Wahrheit, weder auf der Welt noch in der Kunst. Es gibt nur die Hingabe zur eigenen Wahrheit, einer stets subjektiven Schönheit.
Besonders deutlich wird dies in den fotografischen Arbeiten: Während sich in Philipp Lachenmanns schwarzen Surfern die Künstlichkeit einer Welt wie Los Angeles in der Darstellung der Figuren, die vor dem natürlichen Hintergrund wie montiert scheinen, widerspiegelt, gelingt es Dieter Rehm in seiner dokumentarischen Fotografie die Wirklichkeit in ihrer Unwirklichkeit und ihrem Kunstcharakter abzubilden. Und auch Stefan Hunstein betrachtet sich als einen Magier, der in der Fotografiekunst die unsichtbare Wirklichkeit einfängt und wie ein Gedicht erlebbar macht.
Interessanterweise ist die Fotografie auch in der zeitgenössischen Malerei zur Referenz der Möglichkeit der Auseinandersetzung mit einer etwaigen Wirklichkeit geworden; ohne die Technik der automatisierten Fotografie wäre die Kunst von Jan Davidoff und Yigal Ozeri undenkbar. Während Yigal Ozeri nämlich auf seinen photorealistischen Gemälden als Sujet eine Unbekannte vor leerem Hintergrund wählt und durch die Verweigerung der Enthüllung ihres Geheimnisses auf die Tatsache verweist, dass wir in einer Schattenwelt leben und die Kunst nur einmal mehr der Illusion dient, ist das Spiel zwischen vermeintlicher Wahrnehmung und subjektiver Färbung der Realität durch den Künstler bei Jan Davidoff weitaus subtiler. Er selbst wählt Fotografien als Vorlage seiner Arbeiten, nennt diese das „bessere Bildgedächtnis“, und schafft so das subjektive Abbild einer sich in Auflösung befindlichen Welt, auf der sich der entindividualisierte und anonymisierte Mensch zunehmend in der Masse aufzulösen scheint.
Auch die naturalistische Abbildung einer menschenlosen Wirklichkeit bei Anna Krammig, macht sowohl technisch als auch motivisch deutlich, dass alles nicht so klar ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Das Motiv der Palme, das uns bereits in Hunsteins Fotografien begegnet ist, hat sich von seinem schlechten Ruf als kitschigem Postkartenmotiv emanzipiert und wirft als Schatten des Dargestellten, Fragen nach der eigentlichen Wirklichkeit, der Perspektive der Betrachtung und den Hintergründen der Szenerie auf.
Und selbst die abstrakten Arbeiten von Gerhard Richter und Matthias Meyer erschöpfen sich nicht in der Interpretation der Darstellung durch das in der Postmoderne verankerte Gefühl der Kontingenz, der Beliebigkeit der Wahrnehmung des Dargestellten also. Vielmehr werden hier Arbeiten gezeigt, die sich nicht ohne weiteres anhand eines lebensfeindlichen Diskurses über autonome Kunst als Distinktionsmittel deuten lassen. So ergibt sich die monochrome Malerei Richters ganz dem künstlerischen Medium der Farbe und thematisiert auf diese Weise die Wahrnehmung des verlorenen Innewohnenden in einer Welt der täuschend echten Simulation. Dem gegenüber scheint sich Matthias Meyers Werk zwischen Bildhaftigkeit und Abstraktheit im Fluss der Farbe aufzulösen und offenbart damit, dass die Welt nicht festgehalten werden kann, gleichsam aber auch nicht muss, wie auch Julio Rondo beweist, der die Kontingenz unserer Wahrnehmung mit Ihrer Einzigkeit gleichsetzt und das Leben darum als Abenteuer und die Kunst als dessen subjektive Abbildung feiert. Die zeitgenössische Kunst darf also schön sein. Egal ob bildhaft oder abstrakt, ob eindeutig oder obskur, wird sie immer lebendiger Bestandteil und lebendiges Abbild einer Welt sein, die wir nie ganz verstehen, der wir uns aber immer ganz hingeben werden.
Text: Leni Senger
 

Jan Davidoff

Jan Davidoff

#fromwhereistand

13.11.2015 - 30.01.2016
Unter dem Titel #fromwhereistand zeigt die Galerie Andreas Binder vom 12. November 2015 bis zum 30. Januar 2016 zum zweiten Mal Arbeiten des Münchner Künstlers Jan Davidoff.

Die Ausstellung #fromwhereistand widmet sich dem seine Außenwelt reflektierenden Individuum, das sich unter diesem Hashtag seiner Umwelt präsentiert.
So forciert die zeitlich limitierte, narzisstische Selbstdarstellung in den sozialen Medien seinen Betrachter stets zur Wahrnehmung der Welt durch die Augen der dargestellten Person und eröffnet damit eine neue Dimension des Begriffs „Augenblick“. An diese Schnittstelle zwischen subjektivem Standpunkt von Urheber und Betrachter knüpft der Künstler nun in seinen Arbeiten an.
In seiner neuen Serie setzt sich der Künstler beispielsweise mit der visuellen Darstellung und Verbreitung aktueller globaler Bewegungen (Charlie Hebdo, Pegida, Flüchtlingswelle, etc.) in den sozialen Medien auseinander, die mit ihrer Quantität und Subjektivität in unserer Gesellschaft meinungsprägend geworden sind. Häufig ertappt sich der Mensch hier dabei genau das Bild zu sehen, das er verinnerlicht hat, die Welt #fromwhereistand also. Ein differenzierterer Blick auf die Dinge offenbart jedoch oft eine ganz neue Sichtweise, die Zweifel an der eigenen Fähigkeit zur unabhängigen Meinungsbildung aufkommen lassen. Technisch veranschaulicht Davidoff diesen Vorgang durch eine verstörende Verzerrung der Perspektive, wodurch Bewegung in einem eigentlich statischen Motiv entsteht.
Noch deutlicher wird dieser Effekt bei den in dieser Ausstellung erstmals gezeigten Spiegelbildern sowie den Naturbildern. Eine Veränderung der Perspektive offenbart einem eben nicht nur einen anderen Blickwinkel, sondern eine ganz und gar neue Welt die den Betrachtern die Frage entlocken #wheredoyoustand?.

Jan Davidoff (* 1976 in Norden) schloss 2009 sein Studium der Malerei bei Prof. Günther Förg an der Akademie der Bildenden Künste in München ab. Studienreisen führten ihn nach China, Indien, Südostasien oder Amerika. Seine Werke wurde in zahlreichen nationalen wie internationalen Ausstellungen (u.a. TS Art Projects Berlin, Museum Villa Stuck München) präsentiert. Neben verschiedenen Kunstpreisen (2014 Art Award Kreis Offenbach), arbeitete Davidoff zuletzt im Rahmen eines Atelierstipendiums der Eskff Eileen Kaminsky Foundation in New York.
Zeitgleich zur Ausstellung #fromwhereistand werden Jan Davidoffs Arbeiten in der Gallery Hal Bromm in New York und im Rahmen der Ausstellung „Time lies“ im KiK Seven in Berlin gezeigt.
 

Stefan Hunstein

Stefan Hunstein

Verdichtungen

17.09.2015 - 07.11.2015
In der Ausstellung “Verdichtungen” zeigt die Galerie Andreas Binder neue Arbeiten des Künstlers Stefan Hunstein, in denen er seine konzeptionelle fotografische Arbeit über die fragilen Eisgebilde der Arktis fortsetzt. Hier weichen die vormals vordergründig poetischen Szenarien abstrakten Räumen und bizarren Strukturen und es scheint, als würden sich die wahrgenommenen Landschaften im Bild zu eigenen Formen verdichten. Die Fotoarbeiten sind nicht mehr lediglich ästhetische Abbildungen einer uns eher fremden Wirklichkeit, sondern vielmehr eine Essenz des Sichtbaren, das sich zu einer eigentlichen Realität verdichtet. Schon seit jeher haben Künstler und Dichter die Eiswelten mit Seelenzuständen in Verbindung gebracht, die sie in künstlerische und sprachliche Bilder übersetzten. Insofern sind die verschiedenen Lesarten und Sinnebenen des Ausstellungstitels Verdichtungen auch durchaus nicht als Zufall zu verstehen: Die Erfahrung der Urkräfte der Natur in menschenabweisenden, weißklirrenden Welten ist für den Menschen nicht fassbar – ihre dichterische Poetisierung und malerische Verdichtung in Sprache und Bild jedoch bereits seit der Romantik ein Versuch der künstlerischen Umsetzung einer höheren Wahrheit, dem sich Stefan Hunstein nun durch das Medium der Fotografie ebenfalls nähert. Hierin verbirgt sich auch die Motivation des Künstlers seinen neuen Arbeiten literarische Assoziationen beizuordnen, u.a. von Adalbert Stifter, Heinrich Heine, Stefan Zweig und Edgar Allen Poe. Sie sind das Ergebnis seiner intensiven Auseinandersetzung mit Bild und Literatur, und liest man das folgende Zitat, wird einmal mehr deutlich, dass sich in den Werken des Künstlers in der Abstraktion das Unendliche zum Wesentlichen verdichtet.

Schnee abstrahiert. Er hat die Wege eingeschläfert,
Auf denen sich der Gedankengang sonst verirrte.
Die Landschaft gleicht der Schiefertafel, blankgewischt,
Gekippt um neunzig Grad. Im Winterlicht erstrahl
Die reinste Kammer lucida. Durchs Guckloch geht
Der Sehstrahl scharf zum Horizont und kommt zurück.
Kein Hindernis, kein Zickzackpfad, nur Perspektiven.
(Durs Gründbein, aus: Vom Schnee)

Stefan Hunstein (*1957 in Kassel) stellt seit den 80er Jahren regelmäßig aus u.a. 2015 „Über Wasser. Photographie und Malerei von 1800 bis heute“ im Bucerius Kunst Forum, Hamburg; 2014 „Im Eis“, Münchner Stadtmuseum, München; Deutsche Börse Group, Frankfurt; Galerie Clairefontaine, Luxemburg; „Eine Fotografie ist nie bloß eine Fotografie“, Cité Auditorium, Luxemburg, Installation „ Gegenwart…!“ , St. Paul; München; Paul Clemen Museum im KHI Bonn; 2012 „Surf + Anarchie + Alchemie. Metaphorik + produktive Missverständnisse“, Amtsrichterhaus Schwarzenbek; 2010 „Hitler und die Deutschen“, Deutsches Historisches Museum, Berlin; “Schön war’s” Buchpräsentation, Ausstellung und Lesung im Haus der Kunst; 2009/ 2010 Ausstellung „Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation“ in der Hamburger Kunsthalle sowie in der Villa Merkel in Esslingen; 2008 zeigte er seine Installation „Gegenwart...!“ im Diözesanmuseum Freising; 2002 im Haus der Kunst; 1995 in der städtischen Galerie im Lenbachhaus München. Seine Werke sind Teil zahlreicher bedeutender Sammlungen wie der des Deutschen Bundes, der ADAC Sammlung, der Sammlung der Pinakothek der Moderne, der Sammlung Thurn und Taxis und der UniCredit Sammlung. Der Künstler lebt und arbeitet in München.
 

Anna Krammig – Longtemps / Adam Mysock – When Everything was Wonderful Tomorrow

Anna Krammig – Longtemps / Adam Mysock – When Everything was Wonderful Tomorrow

26.06.2015 - 13.09.2015
Unter den Ausstellungstiteln „Longtemps“ von Anna Krammig und "When Everything was Wonderful Tomorrow" von Adam Mysock zeigt die Galerie Andreas Binder zwei unabhängig voneinander konzipierte Einzelausstellungen aktueller Werke der beiden Künstler.

ANNA KRAMMIG malt das stille Leben. Die daraus resultierenden Werke sind jedoch keinesfalls Stillleben im traditionellen Sinne. Nicht das gegenständliche Motiv steht im Mittelpunkt ihrer Kunst, vielmehr entsteht durch ihre aufmerksame Beobachtung von Licht und Schatten, Zimmerfluchten und Blickkorridoren, Flächen und Raumtiefen, ein Abbild des Lebens, das seine Vitalität gerade durch die Abwesenheit von Mensch und Natur erhält. Die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhaltende Dichotomie von Abstraktion und Figürlichkeit wirkt wie aufgehoben in Anna Krammigs Kunst. Ihr gelingt die objektive Umsetzung der Realität, während es gleichzeitig den Anschein macht, ihre Bilder seien Ausdruck einer Intimität, die die Künstlerin selbst in ihr Bild gesteckt hat, als auch einer Innerlichkeit, die vom Betrachter in das Bild projiziert wird. So erzeugen die Schatten als Beweis für die Anwesenheit des Nicht-Sichtbaren eine melancholische Grundstimmung, ausgelöst durch den sensiblen Blick, den Anna Krammig – wie mit den Augen eines Kindes – neugierig und versteckt auf das im Offensichtlichen Verborgene richtet.
Die Künstlerin ist Teil der Räume und der Landschaften, die sie malt. Sie erzählt uns durch Schichten der Erinnerung von der Plötzlichkeit des Sehens. Im Betrachter lösen die Motive nicht selten eine Assoziation mit Gerüchen aus, die er aus der Kindheit kennt und die ihm beim Anblick der gebohnerten Böden, der Treppenhäuser und Dachkammern in die Nase steigen. Keine Spuren von Menschen oder Tieren. Kahle Bäume und Geäst stehen dicht nebeneinander, in die Tiefe gestaffelt - ein lautloses Ineinandergreifen von sich durchdringendem Undurchdringlichem, lichtdurchwoben, statisch und oszillierend. Eine Stille, die einen mit sich selbst konfrontiert, die macht, dass man in sich hineinhört, dass das, was man sieht zum Spiegelbild wird, emotionsgeladen und gleichzeitig leer. Leere als Distanz, um die Emotion einzukreisen, zu erfassen, um ihr eine Form und eine Struktur zu verleihen. Das Innere in der Reduktion des Äußeren und die Lebendigkeit in der Stille sichtbar zu machen – das ist es was, Anna Krammig in ihren Stillleben gelingt. (Auszug aus Künstlerbuch "Anna Krammig", frei nach dem Text von Jean-Christophe Ammann)
Anna Krammig (*1981) lebt und arbeitet in der Schweiz. Studium der Freien Kunst an der Ecole Régionale des Beaux-Arts de Nantes sowie Studium der Malerei an der Hochschule für Künste in Bremen. Ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste München schloss sie als Meisterschülerin bei Prof. Karin Kneffel ab. 2012 erhielt sie ihr Diplom mit Auszeichnung. Nationale sowie internationale Ausstellungen (Auswahl): 2015 Kunstverein Recklinghausen; 'Mal was Deutsches, 10 Positionen zeitgenössischer deutscher Kunst, Hangar7 Salzburg (Kuratorin: Lioba Reddeker); 16. Kunstpreis, Kunstverein Aichach: KKKK, Kunstverein Oberhausen 17//24; Auswahlausstellung des Cusanuswerks Bonn, Städtische Galerie, Bremen

ADAM MYSOCK bildet in seinen miniaturgroßen Arbeiten erzählerische Bildwelten ab. Er selbst sieht sich dabei als revisionistischer Historienmaler. Statt die Geschichte der Vergangenheit visuell nachzuerzählen, verwendet er bereits im kollektiven Gedächtnis verankerte Bilder als Grundlage seiner Werke und begründet so unser Bewusstsein für die Gegenwart neu. Doch nicht nur die kritische und teils humorvolle Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Geschichtsschreibung auf die Gegenwart steht im Mittelpunkt seines Oeuvres, sondern auch die Frage nach den Konsequenzen unseres gegenwärtigen Handelns für die Zukunft. So beschäftigt sich Adam Mysock in der Ausstellung When everything was Wonderful Tomorrow insbesondere mit den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Welt von morgen.
"Denken wir an die Zukunft, stellen wir uns unsere Umgebung von morgen meist so angenehm und gemütlich vor, wie die, in der wir heute leben. Doch mit dem Wissen um die beängstigenden Folgen der globalen Erwärmung wird es zunehmend schwerer, sich eine Umwelt zu erträumen, die der jetzigen gleicht. Vielmehr macht es uns der Missbrauch der Natur durch den Mensch in Vergangenheit und Gegenwart unmöglich, einer potentiellen Zukunft entgegen zusehen und zu sehnen. Und dennoch tut sich ein Weg auf, diesen Entwicklungen voll Optimismus entgegenzublicken – nämlich durch die Augen derer, die die Klimaveränderung leugnen. Motiviert von Ignoranz und Gier gleicht ihre Vorstellung der Umwelt von morgen der Umwelt, die sie heute umgibt. Sämtliche Veränderungen, die mit den steigenden Temperaturen einhergehen werden, sind für sie lediglich neue aufregende Hürden, die ihre Großenkel mit Leichtigkeit überwinden werden! Betrachten wir dieses Verhalten im Spiegel der Satire als künstlerische Ausdrucksform zwischen Dichtung und Lüge, so wirkt es als seien die lautesten Leugner des Klimawandels die größten Satiriker unserer Zeit. Und so ist es auch der schmale Grat zwischen Satire und Wahnsinn, auf dem sich die Gemälde der Ausstellung When everything was Wonderful Tomorrow bewegen. In ihnen untersucht Adam Mysock die Konsequenzen unserer durchtrennten Beziehung zu Umwelt und Zukunft. Sei es die Hervorhebung der neuen Kleidungsmöglichkeiten beim Wintersport in einem wärmeren Klima oder die Betonung der psychologischen Taktiken, die wir gebrauchen, um die wiederholte Schädigung der Natur und damit von uns Menschen zu rechtfertigen – jedes Werk stellt uns vor die Frage, wie wir zwischen Absurdität und seriöser Kritik differenzieren können." (Adam Mysock)
Adam Mysock wurde 1983 in Cincinnati, Ohio geboren und lebt heute in New Orleans. Bachelor in Malerei und Kunstgeschichte an der Tulane University 2004, Studium an der School of Art and Design, Southern Illinois University, Carbondale 2007. Professur für Malerei Sinclair Community College in Dayton, heute Tulane University. Nationale und internationale Ausstellungen (Auswahl): “Bittersweet times: Baroque and presence in the SØR Rusche Collection Oelde/ Berlin” @ Kunsthaus Apolda Avantgarde, Jena / Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg / Museum Stade, Stade und  Bayer Kulturhaus. Leverkusen; Dishman Art Museum, Beaumont, Texas; The Ogden Museum of Southern Art, New Orleans; The Mississippi Museum of Art, Jackson.

Beide Künstler sind bei der Ausstellungseröffnung anwesend.
 

Haiying Xu

Haiying Xu

Du und Sie und Wir

08.05.2015 - 20.06.2015
Landschaften mit exotischer Vegetation, etwa ein See, in dem Haiying Xu als Kind gebadet hat, bilden die Szenerie für die Erinnerungsbilder. Auf diesen vertiefen sich chinesische Mädchen in liegender, teils schlafender Haltung in ihre innere Vorstellungswelt, scheinen von ihrer Heimat zu träumen, während sie sich teilweise gleichzeitig dabei betrachten. In diesen kontemplativen (Selbst-)Porträts tauchen - wie Gedankenfragmente oder vorüberziehende Sequenzen eines Traums - Motive des traditionellen chinesischen Schattentheaters, ausdrucksstarke Masken der Peking-Oper, Prinzessinnen, gute Geister, Tiger und geheimnisvolle Fabelwesen der chinesischen Sagen- und Märchenwelt auf, die Haiying Xu schon als Kind fasziniert haben.
Die Künstlerin kontrastiert diese Elemente der chinesischen Kultur, etwa den bunten Fisch, Symbol für Wohlstand und das traditionelle chinesische Frühlingsfest, mit jungen Chinesinnen in moderner westlicher Freizeitkleidung. Diese Inszenierung verdeutlicht nicht nur die doppelte kulturelle Identität der Künstlerin, die Diskrepanz zwischen West und Ost, sondern auch zwischen den vom Vergessen bedrohten kulturellen Traditionen Chinas und dem modernen Leben in globalisierten Wirtschaftsnationen.
Haiying Xu's zentrales Thema sind Mädchen, dargestellt als modische Zeitgenossinnen, die in immer neuen Kleidern, Frisuren und Körperhaltungen auftreten. Mit dieser malerischen Homage würdigt Haiying starke, selbstbewusste und eigenwillige junge Frauen, die durch Reisen die Welt entdecken und sich behaupten. Gerade die Teenagerzeit interessiert sie besonders, da in dieser emotional sehr spannenden Übergangsphase entscheidende Weichen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung gestellt werden. In diesem Zusammenhang steht auch ihre neue Bildserie, für die sie erstmals ein blondes deutsches Mädchen als Modell wählt, das auf zwei Bildern etwa dem Betrachter den Rücken zudreht, um ihn über die Schulter hinweg herausfordernd, beinahe trotzig wieder direkt anzublicken. Auch mit diesen Gemälden begibt sich Haiying Xu auf Spurensuche in ihre Jugend-Zeit. Dieses Mal sucht sie jedoch - wie der Ausstellungstitel bereits andeutet - nach Gemeinsamkeiten und Kultur übergreifenden Konstanzen dieser Entwicklungsphase. Durch die Beschäftigung mit dem neuen Modell entdeckt sie im Rückblick Spiegelungen der eigenen Biographie und neue Aspekte ihrer damaligen Gefühlswelt.
Nach ihrem Design-Studium an der chinesischen Universität Hainan wechselte Haiying Xu zum Studium der Malerei an die Münchner Akademie der Bildenden Künste in die Meisterklasse von Anke Doberauer. Im Jahr 2009 wurde ihr der DAAD-Diplompreis für ausländische Absolventen verliehen. Im Jahr darauf folgt bei der Biennale „mulhouse 010“ in Frankreich der „Prix du Conseil General du Haut-Rhin". Seitdem waren Arbeiten von Haying Xu in verschiedenen Ausstellungen in Deutschland und Europa zu sehen, darunter im Jahr 2013 bei der Draiflessen-Gruppenausstellung „Macht Heimat“, 2014 bei der Ausstellung "Menschen Tiere und Kanonen“ in der Kunsthalle Rostock sowie im Frühjahr 2015 unter dem Titel „Skill-Based-Painting“ in der Brechtoldsvilla in Salzburg. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Schleswig Holstein.
Text von Dr. Cornelia Friedrichs.
 

Yigal Ozeri & Eugene Lemay

Yigal Ozeri & Eugene Lemay

Monochrome

13.03.2015 - 02.05.2015
Yigal Ozeri
Untitled (Olya), 2015
Öl auf Leinwand
51 x 76 cm / 20 x 30 inch

Unter dem Titel Monochrome zeigt die Galerie Andreas Binder die dritte Ausstellung des Künstlers Yigal Ozeri im Dialog mit dem amerikanischen Künstler Eugene Lemay.
Die Ausstellung zeigt fotorealistisch gemalte monochrome Portraits einer Frau, die Yigal Ozeri aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert hat, sowie Eugene Lemays abstrakte Gemälde, die aus patinierten Oberflächen und gestischen Spuren bestehen. Der erste Gedanke beim direkten Vergleich dieser beiden Künstler ist oft der eines gewollten Kontrasts. Dies wäre jedoch ein Trugschluss, da man sich nur auf die unterschiedlichen Äußerlichkeiten konzentrieren würde. In unserer heutigen Welt wird der Vergleich von mimetischer und abstrakter Darstellungsweise mehr und mehr als eine bedeutungslose didaktische Übung abgetan. Schließlich hat schon Andy Warhol in den 60er Jahren diese beiden Techniken miteinander vereint: durch das Siebdruckverfahren mit Benday Dots wurde ein photografisches Bild auf einem monochromen oder abstrakten Hintergrund reproduziert.
Obwohl die größten Gemeinsamkeiten von Lemays und Ozeris Werk in ihrer Beziehung zur Photographie zu finden sind, lässt sich nicht bestreiten, dass ihre Arbeiten auch tief im Minimalismus und der künstlichen Reproduktion der Pop Art verwurzelt sind. Gleichermaßen versuchen beide das Persönliche in diesem Kontext darzustellen. Dies wird erreicht, indem die Künstler die industrielle Ästhetik und die kommerziellen Inhalte der Minimalistischen Kunst und Pop Art in ihren Werken ad hoc unterdrücken. Lemay und Ozeri erschaffen so auf ihre Art und Weise eine poetische Ästhetik und Subjektivität. Aus diesem Grund lassen sich ihre Arbeiten konzeptuell nicht auf eine Ebene mit der Logik und Geschichte ihrer stilistischen Vorbilder reduzieren, sondern beide Künstler verwenden diese künstlerischen Strategien als eine Aufeinanderfolge von aus dem Zusammenhang gerissenen, ahistorischen Verfahren.
Bei genauerer Betrachtung von Lemays Werken lässt sich eine Reminiszenz von Text oder Briefsprache wiederfinden. Es wird nicht klar für wen diese ausradierten Schriebe gedacht sind, oder wieso sie unaufhörlich wiederholt und unkenntlich gemacht werden. Man fängt an etwas hinein zu projizieren, sich zu fragen ob sie einen manischen oder obsessiven Gedankengang des Künstlers ausdrücken und wieso sie sich scheinbar endlos wiederholen bis sie sich in unleserlichen Kritzeleien auflösen.
Lemays Werk ist thematisch weit entfernt von Ozeris Studien von einer jungen Frau, die vor einem leeren Hintergrund abgebildet ist. Jedes seiner Bilder ist aus einer anderen Perspektive aufgenommen, so als ob der Photograph um sie herum laufen würde, während sie versucht seinem Blick auszuweichen. Die Kargheit der Umgebung spiegelt ihre emotionale Zurückgezogenheit wieder. Wer mag sie sein: ein Model, eine Schauspielerin, eine Bekanntschaft, eine Liebhaberin? Sie scheint so kryptisch wie die unkenntlichen Nachrichten in den Gemälden von Lemay. Wenn uns Lemays und Ozeris Bilder etwas sagen, dann dass sie Geheimnisse haben – Geheimnisse die ihre Werke verweigern zu enthüllen. Ähnlich wie in Samuel Becketts Dramen und John Cages Kompositionen strahlen sie eine Stille aus, die eingehende Betrachtung und Aufmerksamkeit unabdinglich machen.
Sowohl Lemays als auch Ozeris Gemälde lassen einen mit dem Gefühl zurück, dass in jedem eine unerreichbare Abwesenheit verborgen ist. Ihr Werk ist daher nicht so aufschlussreich wie anfangs angenommen – nicht weil ein essentieller Teil absichtlich weggelassen wurde, sondern genau das Gegenteil. Ihrem Werk fehlt mit Absicht ein klares sujet; man kann nicht sicher bestimmen, ob ihre Werke von Malerei, von Repräsentation, von Verlangen, oder sogar davon, wie diese Dinge sich gegenseitig beeinflussen, handeln. Diese Abwesenheit von Ausdrücklichkeit bedeutet jedoch nicht, dass sie nichts zu sagen haben. Das, was sie ausdrücken, entspringt aus einem Bereich von Ereignissen, wo momentane Einzigartigkeiten entstehen und sich wieder auflösen. Mit anderen Worten bieten die Bilder keine didaktische Endinterpretation, sondern öffnen einen Raum für Spekulation.
Obwohl die Künstler ihre Betrachter auf ähnliche Weise sehen mögen, sind sie selbst sehr verschieden: der eine ist Klassizist, der andere Romantiker. Der eine glaubt an eine natürliche, objektive platonische Ordnung der Welt; der andere an eine Ordnung, die subjektiv und auferlegt ist. Aus diesem Grund führen ihre Auffassungen und der hier besprochene Gebrauch der verschiedenen künstlerischen Mittel und Beziehungen auch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Obwohl sich Lemays abstraktes Werk zum Beispiel von seiner Bedeutung her unendlich ausdehnen lässt, gibt es nichts außerhalb des vorgegebenen Rahmens. Im Gegensatz dazu stellen Ozeris photorealistischen Gemälde immer einen Auszug aus einer sich stetig ausdehnenden Welt dar. Seine Bilder zeigen eine Begebenheit die letztendlich den Betrachter über den Rahmen hinaus einbezieht. Ozeris Malerei lädt so den Betrachter in eine Welt der Vergänglichkeit, der Unnahbarkeit und Erotik ein, während Lemays Arbeiten den Zuschauer mit einer Mauer aus Zwängen, sentimentaler Materialität und obsessiver Anhäufung konfrontieren. Das Aufnehmen all dieser Eindrücke regt dabei die persönlichen Erinnerungen des Betrachters an. Im Gegensatz zu dem was man sieht, öffnen diese unaussprechlichen Erfahrungen einen Raum der Reflexion, in dem die Kunstwerke anfangen zu existieren und ihr eigenes „Selbst“ finden
Die Künstler sind bei der Ausstellungseröffnung anwesend.
 

Hadrien Dussoix // Martin Kippenberger

Hadrien Dussoix // Martin Kippenberger

Was macht die Kunst?

06.02.2015 - 07.03.2015
Unter dem Titel "Was macht die Kunst?" zeigt die Galerie Andreas Binder die zweite Einzelausstellung des Künstlers Hadrien Dussoix im Dialog mit dem im Jahr 1997 verstorbenem Künstler Martin Kippenberger. Die mediale Welt und ihr Einfluss auf den 1975 geborenen Schweizer Künstler Hadrien Dussoix ist Grundlage einer Malerei, die sich mit Grenzen, Widersprüchen und Poesie auseinandersetzt. Aus seiner Umwelt, aus Film und Fernsehen schnappt der junge Künstler plakative Sätze mit aussagekräftigem, provozierendem und lyrischem Gehalt auf und adaptiert diese in seine Malerei. Grossflächige Buchstabenformationen nehmen die gesamte Grösse der Leinwand ein, werden zum Hauptsujet, werden autonom, gehen über den reinen Wortgehalt hinaus. Schrift wird zu Malerei, Malerei wird zu Schrift. In vielfältiger Weise nehmen Dussoix´s Werke gleichzeitig den Dialog mit dem Betrachter auf, etwa wenn Dussoix Lackbuchstaben auf der Leinwand komponiert wie in „Make Some Noise“, „Shop Now Riot Later“, „Want Some More“, „That Ends Well“, in denen sich aufgrund ihrer Materialität der Betrachter selbst gespiegelt sieht und damit zum Teil des Werkes wird. „Was macht die Kunst? Was bleibt von der Kunstgeschichte?“ - auch diese Frage liegt dem Werk von Hadrien Dussoix zugrunde. Auf imposante monochrome Leinwände malt der Künstler Kirchen im Stil der Renaissance oder Gotik, die nach seiner Aussage unverrückbare Marksteine unserer Kulturgeschichte sind. Diese Sicht der Vergangenheit setzt er unserer heutigen Sicht entgegen und verwendet Sprühfarbe, um jene Sakralbauten zu reproduzieren und sie auf unser Zeitalter zu übertragen. Spontaneität in der Umsetzung und Einfachheit in der Form verschmelzen zu einer ästhetischen und starken visuellen Wirkung, wobei die natürlich verlaufenden Konturen die charakteristischen Merkmale dieser riesigen Kunstwerke weiter hervorheben und illuminieren. Den Gemälden steht eine Reihe originell gestalteter Skulpturen gegenüber. Stuckteile, Keramiken, afrikanische Masken, Möbel und Fundobjekte sowie beliebige Gegenstände ergeben ein ungeordnetes archäologisches Gebilde, in dem vergangene und gegenwärtige Kulturen zu verschwimmen scheinen. Hadrien Dussoix gewährt uns eine moderne Einsicht in die Kunst der Vergangenheit. Auf der Suche nach einer neuen Ästhetik mischt der Künstler in seinem Werk verschiedene Techniken und kombiniert spontane Eingebungen mit vergangenem Klassizismus, verbindet Punk mit Sakralem – Kunst jenseits von Gut und Böse.
Martin Kippenberger, der mit nur 44 Jahren verstarb, gilt als einer der wichtigsten Künstler seiner Generation. Der deutsche Maler und Installationskünstler gehört zum weiteren Kreis der „Jungen Wilden“, ein Enfant terrible in der Kunstwelt der 1980er Jahre. Martin Kippenberger realisierte spöttische Bildfindungen und Kombinationen aus Bilder und Texten, mit denen er in Tabuzonen der Kunst vorstößt. Seine ausgewählten Mittel dazu sind beispielsweise Nonsensetexte oder absurde Frechheiten, die bewusst provozieren. Stets bemühte er sich gegen die traditionelle Kunstauffassung zu arbeiten und bestehende Kunstbegriffe in Frage zu stellen. Seine Mittel dazu waren unter anderem Provokationen und Spott, wobei er nicht selten die konventionelle Geschmacksrichtung übertrat. Zu Kippenbergers Kunstschaffen zählen Skulpturen, Bilder, Performance, Zeichnungen, Installationen, Künstlerbücher, Plakate, Kataloge und Einladungskarten, die er oftmals in einem naiven Subjektivismus gestaltete.
Hadrien Dussoix lebt und arbeitet in Genf und hat auf der Ecole Supérieure des Beaux-Arts und Haute Ecole Supérieure des Arts Appliqués Geneva studiert. In den Jahren 2006 bis 2008 gewann er dreimal in Folge den renommierten „Swiss Art Award“ für junge Kunst. Internationale Ausstellungen seit 2002, zuletzt: Swiss institute, Rome, Musée Rath, Geneva; MAMCO - Musée d’art moderne et contemporain, Genève, Galerie SAKS, Geneva; Galerie Lange & Pult, Zurich; Espacio Odéon, Bogota, Colombia; Palais de l’Aténée, Geneva; Vegas Gallery, London; Projektraum Viktor Bucher, Vienna; BAC – Espace “Le Commun”, Bâtiment d’Art Contemporain, Geneva, curated by Hadrien Dussoix and Peter Stoffel, Centre d’art contemporain, Geneva, Switzerland etc.
 

Julio Rondo

Julio Rondo

revolve

07.11.2014 - 31.01.2015
Julio Rondo
Let's Panic Later, Reprise, 2014
Acryl hinter Glas
180 x 154 cm
Ausschnitt

Unter dem Titel „revolve.“ zeigt die Galerie Andreas Binder die sechste Einzelausstellung aktueller Werke von Julio Rondo. Julio Rondos künstlerisches Werk speist sich aus der Erinnerung, ja, es macht die Erinnerung selbst zum Thema einer Malerei, die das auf den ersten Blick so gar nicht nahelegt. Kollektives Gedächtnis und individuelles Erinnerungsvermögen treffen hier hart aufeinander, zumal sich eine historische erlebte Wirklichkeit nur selten mit unserer Erinnerung daran deckt. Es handelt sich buchstäblich um zwei Seiten einer Medaille, die eine die Kehrseite der anderen und umgekehrt. Was sie verbindet, ist jene Kontingenz, wonach erinnerte Tatsachen und Erfahrungen zwar möglich, aber keineswegs notwendig sind. Demzufolge ließe sich die historische erlebte Wirklichkeit rückblickend nie wirklich verifizieren. Das kollektive Gedächtnis würde sich nur quantitativ von der individuellen Erinnerung unterscheiden – es wäre aber deshalb weder zutreffender noch triftiger oder gar wahrer, sondern höchstens mehrheitsfähig. „Hinter jeder Erinnerung lauert eine ganze Batterie von Fallen der Einbildung, die aus Sekundärquellen und medialen Imaginationen gespeist sind“, schreibt Birgit Sonna.
„Julio Rondo arbeitet innerhalb der Tradition der Malerei, indem er sie für das verwendet, was sie am besten kann: durch einen Abstraktionsprozess eine Interpretation der Realität darstellen“, schreibt Kathryn Hixon. Wenn man davon ausgeht, dass es für das Erinnern ein im künstlerischen Sinne „perfektes Analogon“ gibt, dann hat es Rondo in einem selten gewordenen Medium gefunden: in der Hinterglasmalerei, einem tradierten Handwerk aus dem 14. Jahrhundert, das der Künstler für seine Zwecke neu entdeckt. Das Motiv sitzt hier nicht auf dem Träger, sondern dahinter, wobei der Künstler jedes Bild sozusagen Schicht für Schicht in umgekehrter Folge aufbaut. Beim Arbeitsprozess muss er sozusagen ständig die Seite wechseln, um sich zu vergewissern. In einigen Arbeiten aus den 1990er Jahren zieht Rondo noch eine zusätzliche Ebene ein, indem er die Glasmalerei durch dahinterliegende Acrylflächen auf Holz unterlegt. Die Malerei wird so zu einem spannenden Prozess, in dem sozusagen jene Schichten aufgebaut und abgearbeitet werden, die auch jede Erinnerung überlagern.
Nach dem Jahrtausendwechsel tritt der Aspekt der Schichtung durch die Hinterglasmalerei in Julio Rondos Arbeit noch stärker in den Vordergrund. Die Strukturen der Signifikation werden immer komplexer, dichter und weniger durchschaubar. 2001 werden Graffitis auf einem Garagentor zum Vorbild für die umfangreiche Werkgruppe „Los Feliz“, in der Rondo komplexe Territorien scherenschnittartig hinter Glas bannt. Danach kommt die Malerei kaum noch zur Ruhe: Großflächige Raster, Netze und Rhizome werden von teilweise gesprayten Bahnen überschattet. Es geht hier nicht um eine gelingende oder misslingende Wiedererkennung, sondern um die Erinnerung als Ergebnis einer „affektiven Intentionalität“ und die Malerei als „Kontingenz, Einzigartigkeit, Abenteuer“. In Julio Rondos Arbeiten gibt es kein „So war es also“, sondern höchstens ein „So könnte es gewesen sein“. Dass man trotzdem immer wieder dazu neigen wird, von der Essenz seiner Malerei auf die Existenz des Künstlers zu schließen, ist durchaus vertretbar. Aber nur dann, wenn man ihren inneren Zusammenhang richtig deutet. Die Essenz ist kein Absolutes, nichts Metaphysisches, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Schon gar nicht lässt sie die Existenz zutreffender, triftiger oder gar wahrer erscheinen. Das gilt für die Erinnerung genauso wie für die abstrakte Malerei als solche – und in besonderem Maße für die Arbeiten von Julio Rondo.

Im Frühjahr erschien über Julio Rondo eine großformatige 300-seitige Monographie im Wilhelm Fink Verlag: „Julio Rondo, O.K., Meta Memory“, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7705-5767-7.
 

Altered States

Altered States

Gruppenausstellung

12.09.2014 - 31.10.2014
Matt Mullican
Untitled, 2014, Tinte auf Papier, 42 x 29,7 cm
Slider und Startseite: Ausschnitt

Unter dem Titel »Altered States« zeigt die Galerie Andreas Binder die von Clemens Krümmel und Rolf Walz konzipierte Gruppenausstellung, in der die Arbeiten sieben zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler präsentiert werden:

Rosa Barba, Katja Davar, Stefan Ettlinger, Matt Mullican, Susan Turcot, Rolf Walz, Marcus Weber

Der Filmtitel ›Altered States‹ (Ken Russell, 1980) verweist auf »veränderte Bewusst- seinszustände« und »umgebaute Staaten«. Diese beiden möglichen Deutungen, die sich nicht ausschließen, sind die Klammer für die Ausstellung. ›Altered States‹ thematisiert die Manipulation von nicht nur visuellen Wirklich- keitserfahrungen auf der physischen und psychischen Ebene. Hier spielen ephemere Medien eine zentrale Rolle bei der Konfronta- tion von Potenzialen aktueller künstlerischer Arbeitsweisen. In Malereien, Zeichnungen, Animationen, Text- und Lichtarbeiten fokus- siert sich der Blick auf Techniken der Vermitt- lung zwischen Bild- und Erfahrungszuständen. Diese reichen von erzählerischer Sequenziali- sierung und Überblendung statischer Bilder über gezeichnete und collagierte Animationen bis zu Charts und Modellen, in denen sich das Moment des Umschaltens von Zustand zu Zustand manifestiert.

Äußerst unterschiedliche künstlerische Ansätze beziehen sich etwa auf das ›Umschalten‹ zwischen Zuständen, wenn Matt Mullicans Schriftbilder im Rahmen eines neuen narrativen Ansatzes in seiner performativ am Unbewussten orientierten Kunst einen Wechsel von Erzähl- und Subjektpositionen vorführen, Rosa Barbas seismografische Zeichnungen über ihre Eigenschaft als objektive Aufzeichnung eines Vesuv-Ausbruchs hinaus, ihre Materialität in den Vordergrund stellen und sich so selbst dem Objekthaften annähern, oder wenn bei Rolf Walz’ Lichtkasten ein skulptierter Hund die externe, unberechenbare Schaltinstanz spielt, die den Output der ›black box‹ scheinbar manipulieren kann. Katja Davars wie Simulationen wirkende Hybridlandschaften lassen an jeder Stelle prädigitale zeichnerische Idiome durchsickern. Susan Turcots Animation, die im Zusammenhang ihrer gezeichneten Reportagen zur Abholzung unersetzlicher Waldbestände geschaffen wurde, überführt den eigenen realistischen Weltbezug in ein alternativ oder als Ergänzung entwickeltes semiotisches Abenteuer. Stefan Ettlinger bricht in seinem Video die Idiome der dokumentarischen Verfremdung vielfach in sich und setzt sie in seinen aus mehreren medialen Quellen synthetisierten Gemälden wieder neu und unerwartet zusammen. Marcus Webers Bilder dehnen die Konventionen der Malerei, indem sie das Hereinbrechen einer unerwarteten, paradox zwischen Komik und Verderben changierenden Wirklichkeit wie einen Überfall zeigen.
 

Matthias Meyer

Matthias Meyer

In der Ferne so nah

15.05.2014 - 06.09.2014
Abbildung:
Installation View, Galerie Andreas Binder
 

Joseph Zehrer

Joseph Zehrer

Pool

21.03.2014 - 10.05.2014
Abbildungen (Slider + Startseite: Ausschnitt):
Joseph Zierer, Wald, 2014
150 x 200 cm, Acryl, Plexiglas, Leinwand
Photo: Simon Vogel

Unter dem Titel Pool zeigt die Galerie Andreas Binder erstmalig eine Einzelausstellung aktueller Werke des in Köln lebenden Künstlers Joseph Zehrer.

Seit vielen Jahren dienen dem Künstler Licht, Farbe und Plexiglas als Medium, Werkstoff und Bildträger in vielgestaltigen Arbeiten. Der Künstler reagiert mit seinen Werken auf das Zeitgeschehen ebenso wie auf Neuigkeiten aus Natur und Wissenschaft.
Analoge Fotographie, die längst totgesagt wurde und doch wieder auflebt, ist ein Leitmotiv in dieser Ausstellung. Ausgehend vom Silbergehalt des Rheins sieht Zehrer den Fluss durch Köln wie ein Entwicklungsbad für Film. Silber in Foto und Spiegel erzeugt Abbildungen, die der Wirklichkeit zu entsprechen behaupten. Zehrer dekonstruiert Fotographie, legt ihre materiellen und technischen Grundlagen frei und transformiert sie in Malerei und Objekte, die wiederum mit dem Gegensatz von Bild und Abbild arbeiten.

In der Ausstellung nimmt Zehrer auch lokale Bezüge auf, wie den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Der Schaden der versunkenen und aufgequollenen Bücher, wird in der Serie die „dicken Bücher Kölns“ in farbenfrohe, mit Rheinwasser gemalte Aquarelle transformiert. Das möglicherweise Verlorene wird so in seinem nicht restaurierten Zustand bewahrt.Mit dem Titel „Menschen am Pool“ sind bemalte Plexiglasstreifen zu einem poetischen Gebilde verwoben, das an Konstruktivisten wie El Lissizky erinnert. Jeder Streifen steht für eine Menschenlinie -, man sieht quasi die Menschheit wie in einer Langzeitbelichtung um das Wasser herum wandern.
 

Johanna Kandl

Guter Stoff

23.01.2014 - 08.03.2014
 

Philipp Lachenmann

Philipp Lachenmann

Cine//Citta

25.10.2013 - 18.01.2014
Unter dem Titel Cine//Città zeigt die Galerie Andreas Binder in einer Einzelausstellung aktuelle Werke des deutschen Künstlers Philipp Lachenmann, die während seines einjährigen Aufenthaltes in der Villa Massimo in Rom entstanden sind.
Cine//Città besteht vorwiegend aus "Requisiten", die Themen des Filmischen und der Inszenierung mit dem Topos der Leerstelle bzw. dem Verschwinden des Narrativen verbinden. Ausgangspunkt des Konzepts ist ein Repräsentationskamin aus dem Thronsaal des Palazzo Ducale in Urbino, dem Hort der italienischen Renaissance und im weiteren Sinn ein Metonym für die perspektivische Entwicklung der Kunst hin zum Film.
In Anlehnung an ein Studio-Set wurden daraus vier dialogische Zonen entwickelt, in denen sich nicht nur essentielle Parameter der Mise-en-scène und des Bewegtbildes abbilden, sondern auch kinematografische Referenzkonstruktionen von Architektur, Skulptur, Malerei und Fotografie verhandeln lassen.
Den Eingangsbereich bildet ein Kulissen-Nachbau des Repräsentationskamins zusammen mit einem silbernen, stumpfreflektierenden
Gemälde, Zitat eines historischen Spiegels, an der Wand gegenüber. In einem weiteren Raum sind die filmischen Parameter Figur und Licht eingebunden im "Gespräch" zwischen Skulptur und konzeptuellem Leucht-Objekt.
Ein geschlossener Restaurantschirm spielt hier mit dem "Figurativen" in Form des klassischen Faltenwurfmotivs der Renaissance, während sich seine weiße Oberfläche einfärbt im Widerschein einer Schwarzlicht-Neon-Schrift, die auf der Wand die Worte Nuit Américaine herausbildet (Nuit Américaine bezeichnet in der Filmtechnik das Drehen bei Tag mit geschlossener Blende, um eine Nachtaufnahme zu simulieren).
Lachenmann beauftragte einen Kulissenmaler, basierend auf Fotografien von den “Brandmauern” des Originalkamins in Urbino, Ölgemälde in drei Größen pro Motiv anzufertigen. Fotos und Gemälde werden in der Nähe des Kamins, aber räumlich separat präsentiert. So entsteht eine Art "Echokammer" zum ersten Raum, in der das konkrete Innenleben des Kamins sich repetitiv spiegelt und zugleich in Abstraktion verselbständigt.
Im letzten Raum kondensieren schließlich Projektion, Schein und Abbildung mittels eines 16mm-Films aus den 50er Jahren und eines Kristallglassteins zu einer Reflexion über Materie und Auflösung. Ein 6-minütiger S/W-Film von zusammenbrechenden Eisbergen, projiziert durch ein Kristallglas, zersplittert an der Wand in bewegte Lichtflecken und Wellenformen.

Im Vordergrund des Interesses von Lachenmann stehen die Mechanismen und Wirkungsweisen des Imaginären, insbesondere die Verschiebungen, Parallaxen des sogenannten Kollektiven Gedächtnis. Seine Filme, Fotografien, Skulpturen und Installationen sind durchwegs Arbeiten am Essentiellen der Bildgenese, an den dem Bildlichen vorerst zugrunde liegenden Repräsentationsstrukturen, welche in ihren Bedeutungsmonopolen offengelegt, ihre Prägungen decodiert und auf neuer Ebene lesbar gemacht werden. Einfache Eingriffe in die Schichten des "Bildes" - und im weiteren unseres Begriffs davon - verbinden sich dazu angelegentlich mit der Implementierung von Vorgefundenem in neue perzeptive Zusammenhänge, um alternative, auch politische Bedeutungsräume zugänglich zu machen. Dabei analysiert seine Kunst präzise jene visuellen Verführungen, die zu inneren Bildern und Fetischen geronnen wirkungsmächtig unseren Alltag formen. Lachenmanns Arbeiten agieren und argumentieren auf verschiedenen semiotischen Ebenen, sodass sie sich variabel lesen lassen, ihre Offenheit bewahren und zur Dekonstruktion hegemonialer Deutungshierarchien führen.

Kunstwochenende: 8.–10. November 2013
 

Djawid C. Borower

Djawid C. Borower

20.12. The God Project

13.09.2013 - 19.10.2013
Abbildung:
Djawid C. Borower
Die Falten der Materie und die Falten der Seele, 2012
Kunstharz und Lack auf Leinwand
85 x 85 x 30 cm

Unter dem Titel The God Project stellt die Galerie Andreas Binder Djawid Borowers neuestes Projekt vor, das aktuell auf der Biennale Venedig gezeigt wird. Borowers Kunst ist enzyklopädisch. In serieller Form kreist sie um Triviales wie Philosophisches, um Geld und Macht, Gott, Sex und Zeit, Bild und Abbild. Sie ist "high" und "low", konzeptuell und sinnlich. Dabei vereint sie Malerei, Plastik und Text. In The God Project fasst Borower verschiedene Serien zusammen, die sich seit 1998 mit metaphysischen Themen wie dem Absoluten, der Zeitlichkeit und Identität beschäftigen. Dabei versteht Borower das God-Project als ein „Versuch“, der keiner strengen Methodik folgt, sondern mit den Mitteln der Kunst ein Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Es geht ihm um eine offene, unabgeschlossene Form der Auseinandersetzung, die keine Wahrheiten vermittelt, sondern Assoziationsräume eröffnet.
"Für mich ist die Kunst die angemessenste Form, um über die wichtigen Themen unserer Existenz, über die Fragen nach Sein und Zeit nachzudenken. Hier kann ich mich ihnen über die Grenzen der Gattungen und der Diskurstechniken hinweg nähern. Mit den Mitteln der Sprache, der Malerei und Plastik. Reflektierend und emotional. Jedes Medium zeigt andere Wege, jeder Zugang schlägt andere Lösungen vor. So umkreise ich mein Thema, auf der Suche nach Möglichkeiten und nicht nach Wahrheiten.“ (Djawid C. Borower)
 

Djawid C. Borower

The God Project

19.07.2013 - 28.09.2013
 

Jan Davidoff

Jan Davidoff

Bridging A Gap

17.05.2013 - 29.06.2013
Unter dem Titel Bridging a Gap zeigt die Galerie Andreas Binder erstmals in einer Einzelausstellung aktuelle Werke des deutschen Künstlers Jan Davidoff. In seinem bereits sehr beachtlichen Œuvre hat Davidoff gleichsam seine ganz eigene Bildsprache gefunden, die mit einer großen technischen Bandbreite interferiert.
Die Ausstellung Bridging a Gap widmet sich der Auseinandersetzung des Malers mit der anthropogenen Landschaft. Dieser Begriff umfasst die Welt aus der Sicht Davidoffs, die sich ihm als eine Kulturhistorische präsentiert. Dieser Vorstellung folgend untersucht er in seiner Malerei das Wechselspiel von Kultur und Natur, indem er die Welt innerhalb ihrer natürlichen sowie den vom Menschen geprägten Stufen porträtiert. Das Betrachten seiner Bilder gleicht daher oftmals einer Reise auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Immer tiefer verstrickt sich der Mensch dabei in seiner eigenen Existenz, egal ob er in einer Menschenmenge aufgeht, Kathedralen, Hochhäuser in ihrer Gewaltigkeit um sich schwirren sieht, den Blick auf scheinbar unendliche Bachläufe richtet oder aber das Dickicht des Waldes ihn seine geringe Größe im Angesicht der übermächtigen alles überwuchernden Natur erfahren lässt. Doch die Perspektiven scheinen sich dabei zu verändern, wer oder was ist denn Kreatur und wer der Kreator? Wer schafft was? Oder vielmehr, was schafft wen? Grenzen heben sich auf, Naturgesetze verschwimmen, Isolation verschwindet, alles scheint eins zu sein - und ist es doch nicht.
Exemplarisch kann dieser Prozess anhand des Bildes „Zuwachs“ nachvollzogen werden. Ein starker Baumstamm, dünnes sich ins Endlose emporstreckendes Geäst demonstriert auf filigrane Art die Gewalt der Natur sich des vom Menschen Geschaffenen zu bemächtigen. Jedoch wirkt der Baum seiner Lebendigkeit beraubt, schwarz, traurig. Der konturenbetonte, fast holzschnittartige Baum bricht sich auf dem spiegelnden fluoreszenten Untergrund, einander sich ausschließende Gegensätze werden eins und heben sich doch deutlich voneinander ab.
Davidoff lotet die ganze Bandbreite malerischer Techniken aus, da er neben Arbeiten auf Leinwand aktuell auch Edelstahlplatten oder patinierte Kupferplatten als Grundlage für seine Malerei verwendet. Durch das Zusammentreffen des reduzierten Farbauftrags und des weichen, zähen Metalls, welches in Form gebracht und schließlich auf einen massiven Holzkern überzogen wird, erhalten Davidoffs Bilder ihre besondere Wirkung, bei dem der Malgrund überaus spürbar wird. Hier weisen bereits die Materialien die fruchtbare Wirkung von Mensch und Natur auf, denen der Künstler durch spezielle Schleiftechniken Reliefcharakter und dadurch Dreidimensionalität verleiht. Die auf seinen Bildern reduzierten und abstrahierten Menschen oder Gebäuden werden besonders aufgrund jener Technik deutlich hervorgehoben. Auf diese Weise vermag er dem einfachen visuellen Wahrnehmungsakt eine weitere, fast magische Dimension zu entlocken.

Jan Davidoff (*1976 in Norden) lebt und arbeitet in München und Utting am Ammersee. Er absolvierte sein Studium 2009 an der Akademie der Bildenden Künste bei Prof. Günter Förg und Prof. Anke Doberauer in München. Studienreisen durch China, Indien, Südostasien, Amerika. Kürzlich wurde ihm der Art Award Seligenstadt verliehen. Nationale sowie internationale Ausstellungen unter anderem: TS Art projects, Berlin, Museum Villa Stuck, Hal Bromm Gallery, New York, Studios of Key West, Florida, EKFF (Eileen Kaminsky Family Foundation), NYC, USA. Darüber hinaus werden seine Werke auch auf internationalen Messen in NY, Miami, Seoul, etc. präsentiert.

Abbildung
Jan Davidoff
Zuwachs, 2013
Mischtechnik auf Leinwand
190 x 280 cm
 

Martin Borowsky, Paul Winstanley, Louise Lawler

Martin Borowsky, Paul Winstanley, Louise Lawler

Gruppenausstellung – A Space for Contemplation

20.03.2013 - 11.05.2013
Paul Winstanley
Man watching TV 2, 2003
Öl auf Leinwand, 90 x 120 cm (Ausschnitt)

Der Künstler Paul Winstanley befasst sich mit traditionellen Genres der Malerei, wie dem Interieur, Stillleben und der Landschaft, die er durch die Linse der Photographie einer Filterung unterzieht. Winstanleys Bildsprache stammt aus Photographien, meistens seinen eigenen. Zugleich methodisch und melancholisch, erinnern seine meist in gedeckter Farbpalette gehaltenen, malerischen Abbildungen von Landschaften, menschenleeren Passagen, Lobbies und Trottoirs, verlassenen College Fernsehräumen und anonymen Interviewzimmern, an einen verschwommenen Schwarz-weiß Schnappschuss. Schwankend zwischen dem Banalen und traumhaften, gewinnen seine Bilder ihre Schönheit aus den gewöhnlichen Orten des modernen Lebens. Seine Subjekte sind alltäglich aber psychologisch aufgeladen; erfüllt von einem fast filmisch anmutenden Gefühl von nahe bevorstehender Handlung, die sich jeden Moment ereignen wird. Er bildet Grenzmomente ab, die auch aus einer anthropologischen Sicht herrühren könnten; die Position des Künstlers ist stets geprägt von kühler Distanz. Trotz der Alltäglichkeit dieser ruhigen, entvölkerten Räume, verleiht Winstanley ihnen eine Stimmung der Melancholie oder Romantik, indem er ihre psychologische Untermauerung offen legt. Die künstlerischen Einflüsse Winstanleys reichen von Vermeer über Brice Marden bis hin zu Richard Hamilton. In seinen Werken beschäftigt er sich sowohl mit der Frage, wie das Photo unsere Seeerfahrung beeinflusst als auch wie eine gemalte Welt der vermeintlichen Neutralität der Photographie entgegentreten kann.
Paul Winstanley (*1954 in Manchester, GB) lebt und arbeitet in London. Seine Ausbildung erhielt er an der Lanchester Polytechnic, Coventry, England; Cardiff College of Art, Wales; und an der Slade School of Fine Art, London. Winstanley hat bereits in den USA und Europa ausgestellt. Winstanley wurde bereits in zahlreichen Gruppenausstellungen, wie etwa in der Kunsthalle Hamburg (2011), im Irish Museum of Modern Art (2009), im Museum of Contemporary Art, Los Angeles (2008), in der Renaissance Society, Chicago (2002); und der Tate Gallery, London (1998) gezeigt. Seine Arbeiten befinden sich neben vielen anderen in Sammlungen wie der MOCA LA, IMMA, Tate, und des Colby College Museum of Art, Maine. Kürzliche Einzelausstellungen fanden in den Galerien Munro, Hamburg, 1301PE, Los Angeles, Kerlin Gallery, Dublin und Mitchell-Innes & Nash, New York, statt. Galerie Andreas Binder arbeitet seit 1994 mit dem Künstler.

In ähnlicher Herangehensweise begegnen die Werke Martin Borowskis dem Raum – eines seiner bevorzugten bildnerischen Sujets. Bei aller Vielfalt innerhalb seines Œuvres zeigt sich seit 2002 in der Malerei und seit 2006 in den druckgrafischen Arbeiten des Künstlers ein besonderes Interesse für Interieurs und deren Details. Die Räume sind zwar meist vom Standpunkt eines Menschen gesehen, der sich in ihnen befindet, doch die Räumlichkeiten selbst sind oft menschenleer und zeugen von einer unbewegten Stille. Wenn doch einmal eine Figur schemenhaft auftaucht, ist sie weder Teil einer Geschichte noch erzeugt sie eine psychologische Spannung, sondern erscheint vor allem als belebende Staffage. Die dargestellten Örtlichkeiten sind anonymisierte, halb öffentliche Sphären: Büros, Bistros, Einkaufspassagen, Museumsräume, Wartehallen in Flughäfen und in Hotels sowie Verkaufsräume von Luxusgeschäften. Es sind also keine privaten, in sich abgeschlossenen Welten, keine bergenden Gehäuse, die bildlich als psychische Resonanzräume ihrer »Bewohner« fungieren könnten. Die Bildgattung des Interieurs ist bei Borowski demnach keine Metapher der Innerlichkeit oder des Intimen. Jedoch ist es weniger der Mangel des Privaten als vielmehr das meist in künstliches Licht getauchte, minimalistische Design der Räume, das eine strenge und atmosphärisch kühle Sinnlichkeit erzeugt.
Martin Borowski (*1970 in Hoyerswerda) studierte von 1994 bis 1999 an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Dresden. Von 1999 bis 2001 war er Meisterschüler bei Professor Ralf Kerbach an der HfBK Dresden. Seine Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in Dresden, Berlin, New York und Rom gezeigt, sowie unter anderem in Gruppenausstellungen in den Kunstsammlungen Gera, im Helsinki City Art Museum, im Residenzschloss Dresden, im Museum Moisbroich Leverkusen und zur 2. Prag Biennale ausgestellt. Martin Borowski lebt und arbeitet in Berlin. . Galerie Andreas Binder zeigte Martin Borowski erstmals 2009 in der Ausstellung Pictures of Pictures.

Louise Lawler hat ihr künstlerisches Schaffen der Untersuchung der Lebensdauer von Kunstobjekten verschrieben. Ihre Photographien zeigen Kunst im Haus des Sammlers, im Museum, im Auktionshaus und der Galerie und in Lagerräumen. Ihre Werke zeugen von einer anhaltenden Reflektion über Ausstellungsstrategien, die maßgeblich die Wirkung und Ausbreitung von Kunst beeinflussen. Die allumfassende Aussage von Lawlers Photographien ist ein stilles Beharren auf die Kontextabhängigkeit, welche die Bedeutung von Kunst definiert. So ist auch das Bild „It could be Elvis“ mit einem kleinen Ausschnitt von Warhols Siebdruck von Joseph Beuys, ein Versatzstück in neuem Raumarrangement und mit bewusst in die Irre führendem Werktitel. Mit Ironie versetzt, verweisen Lawlers gewitzte, treffende und prägnante Photos auf eine große Zahl oftmals übersehener Details – beinahe einem Freudscher Versprecher gleich – die stillschweigend das unaussprechliche zu Tage bringen, was üblicherweise als Macht der Kunst angenommen wird.
Louise Lawler (*1947 in USA) studierte an der Cornell University, lebt und arbeitet in New York. Ihre Werke sind weltweit in zahlreichen großen Sammlungen wie dem Museum of Modern Art in New York, dem Art Institute of Chicago, und Tate Britain in London vertreten. Ausstellungen fanden bereits im Whitney Museum of American Art in New York im Jahr 1991, auf Biennalen in den Jahren 2002 und 2008, im Hirshhorn Museum und im Skulpturengarten in Washington D.C., sowie im Museum für Gegenwartskunst in Basel und dem Stedelijk Museum in Amsterdam. Galerie Andreas Binder zeigte Louise Lawler erstmals 2009 in der Ausstellung Pictures of Pictures. Vom 13. Oktober 2013 bis Januar 2014 wird Louise Lawler in einer umfassenden, retrospektiven Einzelausstellung im Museum Ludwig, Köln, gezeigt.
 

Stefan Hunstein

Stefan Hunstein

Fünf Farben / Prosperos Wald

22.01.2013 - 16.03.2013
Stefan Hunstein
Fünf Farben, 2.2011
UV-Direct Print, 115 x 140 cm
Auflage 5

Nebel umhüllt einen magischen Wald.
Fünf Farben flirren in der Luft.
Ein Blütenmeer zieht Gedanken in seine Tiefe.
Gesichter aus der Dunkelheit blicken uns an.

Stefan Hunstein schafft mit seinen neuen fotografischen Arbeiten eine Projektionsfläche, in der erzählerische Phantasie und bildnishafte Realität intensiv ineinander verwoben sind. Die Bilder gewähren uns Einblicke in ein zauberhaftes, geheimnisvolles Land. „Prosperos Wald“ ist ein von der Zivilisation abgeschiedener Ort. Eine Insel des Schweigens, des Zaubers und der Hoffnung. Es ist eine Landschaft, die vielfältige Möglichkeiten von Entdeckungen bietet. Stoff, aus dem Träume erwachsen, wundersame Geschichten entstehen, Begegnungen stattfinden. Alles scheint möglich, wenn wir uns nicht auf uns selbst beschränken, sondern auch der Poesie die Kraft des Persönlichen zugestehen. Männerportraits, die uns wie aus der Vergangenheit heraus anschauen, bilden einen Dialog mit dieser poetischen Welt.
Stefan Hunsteins Arbeiten sind das Ergebnis einer intensiven, langjährigen Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie und den damit verbundenen Grenzen und Möglichkeiten der Wirklichkeitskonstruktion. Mit seinen Fotoarbeiten erschafft er Räume für vielfältige Interpretationen. Die Bilder aktivieren unser Sehen, verführen uns zum Wahr- Nehmen von Wahrscheinlichem und Unwahrscheinlichem: Wirklichkeitsmagie. Es bricht sich die fotografische Momentaufnahme mit ihrer individuellen Bearbeitung im Weiterdenken und Weitersehen.
Stefan Hunstein (*1957 in Kassel) stellt seit den 80er Jahren regelmäßig aus u.a. 1995 in der städtischen Galerie im Lenbachhaus München, 2002 im Haus der Kunst, 2008 zeigte er seine Installation „Gegenwart...!“ im Diözesanmuseum Freising; 2009/ 2010 Ausstellung „Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation“ in der Hamburger Kunsthalle sowie in der Villa Merkel in Esslingen; 2010 “Schön war’s” Buchpräsentation, Ausstellung und Lesung im Haus der Kunst.
Seine Werke sind Teil zahlreicher bedeutender Sammlungen wie der des Deutschen Bundes, der ADAC Sammlung, der Sammlung der Pinakothek der Moderne, der Sammlung Thurn und Taxis und der UniCredit Sammlung. Der Künstler lebt und arbeitet in München.
 

Anna Navasardian

Anna Navasardian

Gathering Layers

25.10.2012 - 19.01.2013
Anna Navasardian
Kids 4, 2011, Acryl
auf Leinwand, 76 x 152 cm

Unter dem Titel Gathering Layers zeigt die Galerie Andreas Binder erstmalig aktuelle Gemälde und Zeichnungen der 1988 in Armenien geborenen und in NYC, USA, lebenden Künstlerin Anna Navasardian. Navasardians Arbeiten verwenden die Sprache der Portraitmalerei und die Tradition der Figurenmalerei, um die Grenzen, die persönliche und konstruierte Identität trennen, unkenntlich zu machen. Die Vorlagen für ihre dynamischen Subjekte nimmt sie dabei aus Quellen wie Photographien von Ihrer und anderen Familien aus der Sowjetzeit, Vintage - Magazinen sowie Portrait- und Aktsitzungen mit Modellen. Die daraus entstehenden Charaktere legen verdeckte Wahrheiten und vergrabene Bedeutungsebenen durch den kraftvollen Pinselduktus und die verwendete Farbpalette offen. Anna Navasardian behandelt Themen wie Identität, Pubertät, Heranwachsen und Erinnerung in ihren Kompositionen, die die Vielschichtigkeit der Realität untersuchen. In der Gartenserie beispielsweise suggerieren pulsierende Pinselspuren die flüchtigen Gedanken, die eine Familie umgeben. Die Gedanken zerfließen in und mit ihrer physischen Umgebung, verschmelzen mit dem Gebüsch an einem Punkt des Bildes; an einem Anderen, lösen sie sich in dem Muster des Kleides einer Frau auf. Anna Navasardian setzt die Ölfarbe in ihrer Rohheit ein und benutzt sie für eine analytische Komposition von Personen auch um das Unsichtbare, das in Ihnen innewohnt, sichtbar zu machen.
Anna Navasardian ist eine Absolventin der Carnegie Mellon University und hat bereits zwei renommierte Preise gewonnen, den Samuel Rosenberg Award als vielversprechende junge Künstlerin und den L. Porter Award. Sie wurde in Armenien geboren und lebt und arbeitet momentan in New York City.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
 

Yigal Ozeri

Yigal Ozeri

The Boathouse

14.09.2012 - 20.10.2012
Yigal Ozeri , Untitled (The Boathouse), 2012,
Öl auf Leinwand, 39 x 25 cm

Die Galerie Andreas Binder präsentiert die Einzelausstellung „The Boathouse" des israelischen Künstlers Yigal Ozeri. In seinen Ölgemälden und Zeichnungen zeigt Yigal Ozeri junge Frauen umrahmt von Landschaften. Vor allem die Gemälde zeigen einen frappierenden Realismus in denen deutlich die psychologische Präsenz der abgebildeten Protagonisten zu spüren ist.
Ozeri erreicht dies, indem er sich zunächst mit den Mitteln der Fotografie und den Vorlagen aus Videotechnik für seine späteren Gemälde und Zeichnungen beschäftigt, um sie dann mit unzähligen dünnen Pinselstrichen auf Leinwand oder Papier zu übertragen. Viele erscheinen wie auf einem Standfoto: unvermittelt aufblickend, selbstvergessen, mit einem unbefangenen Lächeln oder mitten in Bewegung durch die üppige Umgebung. Andere blicken den Betrachter unverblümt an, als wollten sie ihn herausfordern und verunsichern. Auf jedem dieser Gemälde fängt Ozeri die Verletzlichkeit des weiblichen Körpers ein, alle Figuren sind im Alter des Übergangs vom jungen Mädchen zur reifen Frau. Nach der Auswahl des Ausgangsmotivs beginnt der malerische Prozess, dessen Resultat ein filmisches Portrait von fast fotografischem Realismus ist. Mit größter Sorgfalt inszeniert, spiegelt es wie eine Installation der Konzeptkunst den high-definition Realismus wieder, der die moderne Medienwelt, Film und Fernsehen eingeschlossen, wie ein roter Faden durchzieht, während die fast unsichtbaren Pinselstriche nach Art der traditionellen Trompe-l’oeil Malerei an die theoretischen Konzepte von Wahrnehmung und Illusion erinnern.
 

Hot town, summer in the city…

Hot town, summer in the city…

Gruppenausstellung

19.07.2012 - 08.09.2012
Julio Rondo, Matthias Meyer, Izima Kaoru, Thomas Stimm, Dieter Rehm, Hadrien Dussoix, Tim Maguire, Stefan Hunstein, Han Schuil, Haiying Xu und Martin Borowski
 

Han Schuil

Han Schuil

Neue Arbeiten

15.05.2012 - 28.06.2012
Galerie Andreas Binder freut sich die zweite Einzelausstellung von Han Schuil ankündigen zu dürfen.

Han Schuil verfügt über einen kontinuierlich, aber nur langsam anwachsenden Motivschatz, den er mehr oder weniger intuitiv aus dem Alltagsvokabular unserer Umgebung herausgelöst hat: abstrahierte Verkehrszeichen und Straßenmarkierungen, leere Fenster und Augen, ausgelöschte Schriftzeilen und Blechblase gehören ebenso dazu wie die comicartig aufgeblendeten Signets von Explosionen und Wolken. Mit diesen Basiselementen setzt er auf mal quadratischen mal rechteckigen mal balkenhaften Bildträgern aus Alu seine Erinnerungsmarken, als seien es Interpunktionen des verdichtet Realen innerhalb geometrisch generös unterteilten oder auch kleinteiliger parzellierten Farbflächen. Manchmal kommt als fast schon ironisches Aperçu ein oft widersinnig gesetzter Schattenwurf hinzu, wie etwa Nummer 9; Heat IV, wo sich um rot aufflammende Leuchtioden innerhalb eines imaginierten Schaltkreises grün schattierte Zonen bilden. Es ist eine unserem Medienzeitalter adäquate Weiterführung dessen, was der jung verstorbene Künstler Blinky Palermo in den 1960er Jahren begonnen hat. Palermo bereits brach den hermetischen Kanon einer selbsreferentiellen konstruktivistischen Kunst auf, indem er unter anderen Muster des Gebrauchsdesigns in die Malerei übersetzte.
Doch bei Han Schuil wird allein schon durch die oft auf Hochglanz getrimmte Oberfläche aus Lackfarbe zugleich die Sphäre der poppigen Werbewelt wie des schnittigen Automobils heraufbeschworen. „Ich beschäftige mich mit dem Signaleffekt eines Bildes, das in der Folge wie eine Ikone eine konzentrierte Reflektion aufruft. Meine Gemälde müssen einen Moment repräsentieren, der einen still stehen lässt.“ Unabhängig von dieser Konzentration glaubt man bei den einzelnen Gemälden förmlich einen zeitlichen Rhythmus in der festgehaltenen Sequenz der Bildzeichen zu erspüren. So erschließt sich beim Betrachten der extremen Querformate Nummer 1 und Nummer 4 in der Abfolge der Farbbalken eine Art Stakkato, auf den quadratischen Bildern wiederum finden sich an musikalische Kompositionen erinnernde Kontrapunkte gesetzt. Erst bei näherer Betrachtung der Farbhaut wird man innerhalb der während des Malprozesses durch Klebebänder abgegrenzte Flächen nuancierte Pinselstriche ausmachen können. Schuil sagt: Ich strebe nach einem Bild von der Wirkkraft eines Verkehrszeichen und der Intensität der flämischen Primitiven.“ Und er, der den Faltenwurf der Alten Meister liebt, verpasst seinen veritabel in die dritte Dimension ausgefahrenen Bildkörpern oft Dellen, so dass sich in den Knautschzonen das Licht wie in den gemalten Gewändern eines Jan van Eyck verfängt. Zu Han Schuils herausragenden Qualitäten gehört, dass er traditionell widersprüchliche Faktoren wie Geometrie und Kolorismus, Farbfläche und Pinselschrift, Pop und Subjektivität, Tafelbild und Körperhaftigkeit, Statik und Rhythmus in ein prägnant ausbalanciertes Spannungsverhältnis überführt. (Dr. Birgit Sonna)

Han Schuil lebt und arbeitet in Amsterdam. Internationale Gruppen- und Einzelausstellungen seit 1983, unter anderem in Stedelijk Museum, Amsterdam; Gemeentemuseum Den Haag, Stadsgalerij Heerlen, NL; Pinacoteca São Paulo en Museo de Arte Moderna Rio de Janeiro; Shanghai Art Museum; Singapore Art Museum; Centraal Museum, Utrecht; Staatliches Museum Schwerin & Stadtgalerie Kiel; Galerie Gebrüder Lehmann, Dresden; Casino Luxembourg, Luxemburg; Galerie Onrust Amsterdam; Hamish Morrision Galerie, Berlin, etc.
 

Matthias Meyer

Matthias Meyer

Vom tatsächlich Sichtbaren

16.03.2012 - 12.05.2012
Unter dem Titel Vom tatsächlich Sichtbaren zeigt die Galerie Andreas Binder im Rahmen einer Einzelausstellung die aktuellen Werke des Künstlers Matthias Meyer.

Es ist längst zum Ritual geworden, Abstraktion und Figuration als antagonistisches Paar der Malerei gegeneinander auszuspielen. Seit der Moderne hat sich diese Dichotomie einschließlich ihrer jeweiligen Parteibildungen hartnäckig und selbst wider besseren Wissens gehalten. Einer jüngeren Generation von gelassen zwischen den beiden Polen changierenden Malern scheint nun aber die Auflösung der anachronistischen Demarkationslinien zu gelingen. Matthias Meyer gehört dank der technisch-konzeptuellen Raffinesse seiner lasierenden Malerei zu dieser Phalanx in Deutschland. „Ich bin mir im Grunde nicht einmal sicher, ob es überhaupt abstrakte Bilder gibt“, sagt der in Göttingen gebürtige Künstler. Im Umkehrschluss dazu könnte man angesichts seiner motivisch diffundierenden Ölmalerei auch behaupten, dass es in seinem Werk auch keine wirklich gegenständlichen Bilder gibt. „Vom tatsächlich Sichtbaren“ ist demnach als Appell zu verstehen, die Phänomenologie der Malerei immer neu auf ihren etwaigen Trugbildcharakter hin zu überprüfen.

Untergliedert in Themenbereiche wie Wasser- und Stadtlandschaften, Interieurs und Wälder, Untersichten und Konstruktionen fächern sich die aus der Natur sowie Urbanität entliehenen Leitmotive Meyers in der Ausstellung auf. Matthias Meyer nutzt zwar Fotovorlagen und auch kleinere Acrylskizzen als Gedächtnisstützen, die Gemälde selbst entwirft er jedoch davon losgelöst in einem improvisierenden Duktus. „Es ist ein Risikomoment“, gesteht er. „Eigentlich baue ich das Bild abstrakt von hinten her auf, sobald ein Detail kenntlich wird, stoppe ich den Prozess wieder.“ Dem einzelnen Werk ist dieses fast traumwandlerische Vorgehen prima vista anzusehen. Auf den historischen Konflikt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit spielt Matthias Meyer virtuos an, doch hat seine Malerei zugleich eine Offenheit, die der persönlichen, stark diversifizierten Wahrnehmung in unserer Gegenwart entgegenkommt. In einem Schwebeverfahren zwischen Unschärfe und Konkretisierung weist Meyer unsere retinalen Eindrücke als Phantasmen am Rande des Schwerkraftverlusts aus. (Dr. Birgit Sonna)
 

SEO Parallel World

SEO Parallel World

SEO

21.10.2011 - 22.12.2011
2011, 100x100 cm, Mischtechnik und Papiercollage auf Leinwand