Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Claire Obscure

Gruppenausstellung
05.02.2016 - 16.04.2016
Claire Obscure

Philipp Lachenmann, Matthias Meyer, Yigal Ozeri, Stefan Hunstein, Jan Davidoff, Anna Krammig, Rolf Walz, Dieter Rehm, Julio Rondo, Anna Navasardian, Gerhard Richter und Sigmar Polke

Die Ausstellung Claire Obscure widmet sich, in Anlehnung an die französische Übersetzung des künstlerischen Stilbegriffs Chiaroscuro, zeitgenössischen Kunstwerken, die sich insbesondere durch ihr Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten auszeichnen. Mit der Auslegung des Begriffs als eine seit der Renaissance die Kunstproduktion- und Theorie maßgeblich bestimmenden ästhetischen Technik der Dramatisierung und Vitalisierung der Szene durch das ins Licht getauchte Motiv vor dunklem Hintergrund, sind die Lesarten von Clair-obscur jedoch noch nicht erschöpft. Nicht allein die Dichotomie hell und dunkel findet sich hier als offensichtliches Merkmal der gezeigten Arbeiten von Künstlern der Galerie wieder, sondern ebenso ihre gleichzeitige optische Klarheit als auch inhaltliche Mehrdeutigkeit. Auf den ersten Blick sieht sich der Besucher der Ausstellung Claire Obscure mit Werken konfrontiert, die sich aufgrund ihrer vordergründigen, dekorativen Ästhetik unmittelbar an der Oberfläche zu erschließen scheinen. Trotz gemeinhin dunkler Farbgebung und einem romantischen und geheimnisvollen Zauber, der sie umgibt, lassen sie sich fern von postmodernen Kunstdiskursen oder einer autonomen Ästhetik verstehen und fühlen. Die zeitgenössischen Künstler bilden Ihre Wirklichkeit mimetisch und abstrakt ab und haben dabei ein Grundaxiom gemein:
Es gibt keine Gewissheit, keine Klarheit, keine Wahrheit, weder auf der Welt noch in der Kunst. Es gibt nur die Hingabe zur eigenen Wahrheit, einer stets subjektiven Schönheit.
Besonders deutlich wird dies in den fotografischen Arbeiten: Während sich in Philipp Lachenmanns schwarzen Surfern die Künstlichkeit einer Welt wie Los Angeles in der Darstellung der Figuren, die vor dem natürlichen Hintergrund wie montiert scheinen, widerspiegelt, gelingt es Dieter Rehm in seiner dokumentarischen Fotografie die Wirklichkeit in ihrer Unwirklichkeit und ihrem Kunstcharakter abzubilden. Und auch Stefan Hunstein betrachtet sich als einen Magier, der in der Fotografiekunst die unsichtbare Wirklichkeit einfängt und wie ein Gedicht erlebbar macht.
Interessanterweise ist die Fotografie auch in der zeitgenössischen Malerei zur Referenz der Möglichkeit der Auseinandersetzung mit einer etwaigen Wirklichkeit geworden; ohne die Technik der automatisierten Fotografie wäre die Kunst von Jan Davidoff und Yigal Ozeri undenkbar. Während Yigal Ozeri nämlich auf seinen photorealistischen Gemälden als Sujet eine Unbekannte vor leerem Hintergrund wählt und durch die Verweigerung der Enthüllung ihres Geheimnisses auf die Tatsache verweist, dass wir in einer Schattenwelt leben und die Kunst nur einmal mehr der Illusion dient, ist das Spiel zwischen vermeintlicher Wahrnehmung und subjektiver Färbung der Realität durch den Künstler bei Jan Davidoff weitaus subtiler. Er selbst wählt Fotografien als Vorlage seiner Arbeiten, nennt diese das „bessere Bildgedächtnis“, und schafft so das subjektive Abbild einer sich in Auflösung befindlichen Welt, auf der sich der entindividualisierte und anonymisierte Mensch zunehmend in der Masse aufzulösen scheint.
Auch die naturalistische Abbildung einer menschenlosen Wirklichkeit bei Anna Krammig, macht sowohl technisch als auch motivisch deutlich, dass alles nicht so klar ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Das Motiv der Palme, das uns bereits in Hunsteins Fotografien begegnet ist, hat sich von seinem schlechten Ruf als kitschigem Postkartenmotiv emanzipiert und wirft als Schatten des Dargestellten, Fragen nach der eigentlichen Wirklichkeit, der Perspektive der Betrachtung und den Hintergründen der Szenerie auf.
Und selbst die abstrakten Arbeiten von Gerhard Richter und Matthias Meyer erschöpfen sich nicht in der Interpretation der Darstellung durch das in der Postmoderne verankerte Gefühl der Kontingenz, der Beliebigkeit der Wahrnehmung des Dargestellten also. Vielmehr werden hier Arbeiten gezeigt, die sich nicht ohne weiteres anhand eines lebensfeindlichen Diskurses über autonome Kunst als Distinktionsmittel deuten lassen. So ergibt sich die monochrome Malerei Richters ganz dem künstlerischen Medium der Farbe und thematisiert auf diese Weise die Wahrnehmung des verlorenen Innewohnenden in einer Welt der täuschend echten Simulation. Dem gegenüber scheint sich Matthias Meyers Werk zwischen Bildhaftigkeit und Abstraktheit im Fluss der Farbe aufzulösen und offenbart damit, dass die Welt nicht festgehalten werden kann, gleichsam aber auch nicht muss, wie auch Julio Rondo beweist, der die Kontingenz unserer Wahrnehmung mit Ihrer Einzigkeit gleichsetzt und das Leben darum als Abenteuer und die Kunst als dessen subjektive Abbildung feiert. Die zeitgenössische Kunst darf also schön sein. Egal ob bildhaft oder abstrakt, ob eindeutig oder obskur, wird sie immer lebendiger Bestandteil und lebendiges Abbild einer Welt sein, die wir nie ganz verstehen, der wir uns aber immer ganz hingeben werden.
Text: Leni Senger

 

Ausstellungsort

Galerie Andreas Binder

Knöbelstr.27 • 80538 M
Tel. +49 89 219 39 250 • Fax: +49 89 219 39 252
www.andreasbinder.deinfo@andreasbinder.de
Di–Fr 12–17 • Sa 12–15