Initiative Münchner Galerien zeitgenößischer Kunst

 

Julio Rondo

revolve
07.11.2014 - 31.01.2015
Julio Rondo

Julio Rondo
Let’s Panic Later, Reprise, 2014
Acryl hinter Glas
180 x 154 cm
Ausschnitt

Unter dem Titel „revolve.“ zeigt die Galerie Andreas Binder die sechste Einzelausstellung aktueller Werke von Julio Rondo. Julio Rondos künstlerisches Werk speist sich aus der Erinnerung, ja, es macht die Erinnerung selbst zum Thema einer Malerei, die das auf den ersten Blick so gar nicht nahelegt. Kollektives Gedächtnis und individuelles Erinnerungsvermögen treffen hier hart aufeinander, zumal sich eine historische erlebte Wirklichkeit nur selten mit unserer Erinnerung daran deckt. Es handelt sich buchstäblich um zwei Seiten einer Medaille, die eine die Kehrseite der anderen und umgekehrt. Was sie verbindet, ist jene Kontingenz, wonach erinnerte Tatsachen und Erfahrungen zwar möglich, aber keineswegs notwendig sind. Demzufolge ließe sich die historische erlebte Wirklichkeit rückblickend nie wirklich verifizieren. Das kollektive Gedächtnis würde sich nur quantitativ von der individuellen Erinnerung unterscheiden – es wäre aber deshalb weder zutreffender noch triftiger oder gar wahrer, sondern höchstens mehrheitsfähig. „Hinter jeder Erinnerung lauert eine ganze Batterie von Fallen der Einbildung, die aus Sekundärquellen und medialen Imaginationen gespeist sind“, schreibt Birgit Sonna.
„Julio Rondo arbeitet innerhalb der Tradition der Malerei, indem er sie für das verwendet, was sie am besten kann: durch einen Abstraktionsprozess eine Interpretation der Realität darstellen“, schreibt Kathryn Hixon. Wenn man davon ausgeht, dass es für das Erinnern ein im künstlerischen Sinne „perfektes Analogon“ gibt, dann hat es Rondo in einem selten gewordenen Medium gefunden: in der Hinterglasmalerei, einem tradierten Handwerk aus dem 14. Jahrhundert, das der Künstler für seine Zwecke neu entdeckt. Das Motiv sitzt hier nicht auf dem Träger, sondern dahinter, wobei der Künstler jedes Bild sozusagen Schicht für Schicht in umgekehrter Folge aufbaut. Beim Arbeitsprozess muss er sozusagen ständig die Seite wechseln, um sich zu vergewissern. In einigen Arbeiten aus den 1990er Jahren zieht Rondo noch eine zusätzliche Ebene ein, indem er die Glasmalerei durch dahinterliegende Acrylflächen auf Holz unterlegt. Die Malerei wird so zu einem spannenden Prozess, in dem sozusagen jene Schichten aufgebaut und abgearbeitet werden, die auch jede Erinnerung überlagern.
Nach dem Jahrtausendwechsel tritt der Aspekt der Schichtung durch die Hinterglasmalerei in Julio Rondos Arbeit noch stärker in den Vordergrund. Die Strukturen der Signifikation werden immer komplexer, dichter und weniger durchschaubar. 2001 werden Graffitis auf einem Garagentor zum Vorbild für die umfangreiche Werkgruppe „Los Feliz“, in der Rondo komplexe Territorien scherenschnittartig hinter Glas bannt. Danach kommt die Malerei kaum noch zur Ruhe: Großflächige Raster, Netze und Rhizome werden von teilweise gesprayten Bahnen überschattet. Es geht hier nicht um eine gelingende oder misslingende Wiedererkennung, sondern um die Erinnerung als Ergebnis einer „affektiven Intentionalität“ und die Malerei als „Kontingenz, Einzigartigkeit, Abenteuer“. In Julio Rondos Arbeiten gibt es kein „So war es also“, sondern höchstens ein „So könnte es gewesen sein“. Dass man trotzdem immer wieder dazu neigen wird, von der Essenz seiner Malerei auf die Existenz des Künstlers zu schließen, ist durchaus vertretbar. Aber nur dann, wenn man ihren inneren Zusammenhang richtig deutet. Die Essenz ist kein Absolutes, nichts Metaphysisches, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Schon gar nicht lässt sie die Existenz zutreffender, triftiger oder gar wahrer erscheinen. Das gilt für die Erinnerung genauso wie für die abstrakte Malerei als solche – und in besonderem Maße für die Arbeiten von Julio Rondo.

Im Frühjahr erschien über Julio Rondo eine großformatige 300-seitige Monographie im Wilhelm Fink Verlag: „Julio Rondo, O.K., Meta Memory“, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7705-5767-7.

 

Ausstellungsort

Galerie Andreas Binder

Knöbelstr.27 • 80538 M
Tel. +49 89 219 39 250 • Fax: +49 89 219 39 252
www.andreasbinder.deinfo@andreasbinder.de
Di–Fr 12–17 • Sa 12–15